„Tante.“ Ich rüttelte sie aus dem Schlaf. „Er darf nicht sterben, er darf nicht.“

Sie trachtete mich zu beruhigen und das Rollen der Räder, dieser gleichmäßige Lärm lullte mich in einen bleiernen Schlaf, aus dem ich erst erwachte, als greller Sonnenschein durch die Coupéfenster drang.

Ich wußte mich nicht gleich zu orientieren. Was war geschehen und wohin wollte ich? Ach ja, ich entsann mich. Von neuem trat mir die ganze unerbittterliche Tragik meines Geschicks vor Augen und ich wünschte, ich wäre nie erwacht.

Auf dem Perron eilten die Leute durcheinander, meist elegante Damen, die eine Vergnügungsreise machten. Sie lachten so lustig — wie konnte man nur lachen?

Heiterer Himmel, jubelnde Vögel, fröhliche Menschen, das Alles vermocht’ ich nicht zu fassen. Es lag ja ein schwarzes Tuch über die Erde gebreitet — und über ein frisches Grab. — Darin ruhten die Wünsche, die armen Träume meiner 18 Jahre.

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Über das, was folgte, besitze ich keine Aufzeichnungen. Ich hätte meine Feder ins Herzblut tauchen müssen, denn es gibt Empfindungen, die sich nicht in Worte fassen lassen, Dinge die wiederzugeben, keine Sprache der Welt fähig ist. Ein unbeschriebenes Blatt sagt oft mehr, als wäre es bis an den Rand mit Buchstaben angefüllt.

Heute wo ich überwunden, will ich das Versäumte nachholen.

„Du mein ärmstes Mädchen, ich mach’ Dir solchen Kummer!“ Mit diesen Worten begrüßte er mich. Sie hatten seinen Stuhl nahe ans Fenster gerückt, an das dunkle Schlingrosen die vollen, duftschweren Häupter lehnten. Ein sanftes Lüftchen kam vom See herauf und trieb sein Spiel mit meinem Haar.

„Weißt Du noch Mimi, wie ich Dir die Verse Victor Hugos zum erstenmale sagte? Willst Du sie nochmals hören?“