„Gehen wir“, und ich schob meinen Arm in den ihren.
„Weißt Du Mimi“, begann sie nun, „daß ich diesen Augenblick mit einer gewissen Ungeduld erwartet habe? — — Ich sah, wie Du Dich in aufreibenden Träumereien ergiengst, und fand es doch grausam, Dich gewaltsam wachzurütteln. Aber jetzt, da Du den Anfang machst, wollen wir uns ruhig besprechen. Mir war ja einmal gerade so zu Mut wie Dir, — vielleicht noch schlimmer. Auch ich klagte innerlich über die Nutzlosigkeit des Daseins, bis ich begriff, daß es keinen schöneren Zweck gibt, als immerfort zu handeln in den Intentionen eines geliebten Toten. — „Ein ganzer Mensch, der geradaus geht, immer dem Rechten nach, ohne nach rechts und links zu sehen,“ das war ja sein Vermächtnis. — Was hindert Dich, die Erbschaft anzutreten?“
„Tante, ich danke Dir.“ Dem was nur vague und verschwommen mein Inneres erfüllt, hatte sie Ausdruck verliehen, und wie mit einem Zauberschlag den Bann gebrochen. Und die Beiden, die nun schon lang geschwiegen, Willenskraft und Pflichtgefühl, erwachten in erneuter Stärke. „Du mußt mir helfen, Tante. Ich will trachten, Dir’s nicht schwer zu machen.“
Wir waren in eine Seitenallee eingebogen, und machten dort Halt, wo von blühendem Buschwerk halb verdeckt, ein weißes Marmordenkmal stand. Hier ruhte die Urne mit seiner Asche. Leise drang das Schluchzen der Nachtigall zu uns herüber, und die Nelken, die roten Nelken, die den kalten Stein umgaben, glühten in stillem Feuer.
Ich blickte auf zum blauen Himmel — dort funkelte es goldig. Und diese Myriaden Welten ziehen ruhig und unbekümmert ihrer Wege. Heute strahlen sie im hellsten Licht, und morgen schon vielleicht sind sie zersplittert, zertrümmert in Atome.
Leuchtend taucht der Mond hinter den Buchenwänden auf und wirft seinen magischen Schimmer auf die weißen Steinfiguren in den Nischen. Ein weiches Lüftchen umweht uns, und um die duftenden Betunienbeete schwirren lüsterne Nachtfalter, summend, surrend.
Mir ward mit einemmal so wohl und leicht um’s Herz, als gäb’ es keine Trennung.
„Versprich ihm Mimi, daß Du Deinen Vorsatz halten willst. Schließ ab mit dem Alten: mach’ einen Strich darunter, wie nach einem fertigen Capitel. Dann soll morgen ein neuer, und wir wollen hoffen, schöner Abschnitt Deines Lebens beginnen.“
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„Zur Einleitung muß ich Dir eine traurige Geschichte erzählen, die Du genau noch nicht kennst“, begann die Tante tagsdarauf. „Ich war ein Mädchen, nicht besser und nicht schlechter, als die einmal geltende Schablone es von gewissen Gesellschaftsklassen erfordert. Ich lebte in den Tag hinein, sprach mein Morgen- und Abendgebet, gieng Sonntags in die Kirche und fügte mich in Allem und Jedem den Beschlüssen meiner Eltern, wie es die gute Sitte erfordert.