Ich war 23 Jahre alt. Da lernte ich ihn kennen — in einer größeren Gesellschaft. Wir sprachen nur wenige Worte und doch war es mir, als ob wir zu einander gehörten, Eines wären schon seit Langem.

Im ersten Rausche überlegte ich nicht lange. Wenn die Meinen sahen, wie sehr wir uns liebten, würden sie ihre Einwilligung geben und sich darüber hinwegsetzen, daß er ein Jude war.

Wir trafen uns von nun an häufig. Dann kam er und hielt um mich an.

Mir wurde es zu eng im Zimmer; ich eilte in den Garten, um dort das Ende der Unterredung abzuwarten. Es dauerte nicht lange. Er kam über die Terrasse, leichenblaß, und wollte an mir vorbei. Ich rief ihn an; er fuhr zusammen:

„Du hier? — — Nun denn, leb’ wohl. Wir dürfen einander nicht gehören; es ist soeben im Familienrat beschlossen worden.“ Dabei zuckte es schmerzlich um seine Mundwinkel.

„Du sprichst doch nicht im Ernst?“

„Es wäre wohl ein schlechter Scherz. Du kannst Dich ja selbst überzeugen. Sie sitzen Alle beisammen im Ahnensaal, die Großeltern und Dein Bruder. Es paßt ihnen nicht — ich bin ein frecher Eindringling — wir sollen nicht glücklich werden.“

Ich hatte seinen Arm gefaßt. „Ja, es heißt Abschied nehmen, Laura — vergessen“, setzte er mit bebender Stimme hinzu. „Gib mir — doch nein — nicht einmal die Hand — Du würdest Dich besudeln.“ Und alle Selbstbeherrschung beiseite lassend, barg er das Gesicht in die Hände und stöhnte laut auf.

Ich küßte ihn und versprach, niemals von ihm zu lassen.

„Armes Kind, Du versprichst mehr, als Du halten kannst. Es gibt Gesetze, die stärker sind als Liebe. Bisweilen ist es Ehre, in den meisten Fällen aber Vorurteil. Leb’ wohl, vergiß mich.“