Die Ankunft meines Vetters versetzte mich jedesmal in gereizte Stimmung. Nicht ein Punkt, in dem wir übereinstimmten, keine gemeinsame Empfindung, und bei der gänzlichen Verschiedenheit unserer Ansichten, entfremdeten wir uns immer mehr.
Tante Laura sah in unseren Discussionen eine gesunde Denkübung, denn nichts schärft den Verstand so sehr, als improvisierte Wortgefechte. Gewöhnlich war der Sieg auf meiner Seite, was ich mir in Anbetracht des Umstandes, daß Robert durchaus kein Kirchenlicht war, nicht sonderlich hoch anrechnete.
Momentan verbrachte er seine Zeit damit, die verschiedenen Stifte der Umgebung unsicher zu machen. Er wurde nicht müde die Gastfreundschaft und das wirklich charmante Entgegenkommen der Herren zu rühmen.
„Wir verstehen uns vortrefflich“, versicherte er uns ein über das anderemal, „und ich fühle mich wirklich ganz außerordentlich wohl in ihrer Gesellschaft.“
„Sind wohl auch Antisemiten?“ frug die Tante.
„Versteht sich — und wie.“
„Sonderbar und traurig.“ Und was sie jetzt sagte, erinnerte mich so lebhaft an ein Gespräch mit Vincenz, daß ich unwillkürlich seufzte. „Das sollen „Stützen“ der Kirche sein, die in ihrem Herzen dem Hasse Raum geben! Oder ist vielleicht irgendwo in der Schrift ein Commentar zu finden, in dem es heißt: „Natürlich nur den Nächsten im engeren Sinne?“ Nein so kleinliche Unterschiede hat Christus nicht gehabt. Sein edles Herz schloß Keinen aus: es schlug und blutete für Alle. „Liebe, Nachsicht und Vergeben.“ Und statt stolz zu sein auf ihren Meister, in seinem Sinn zu predigen, verzerren, verstümmeln sie seine Lehre bis zur Unkenntlichkeit.“
„Aber bitt’ Dich, Tante, wer wird denn gleich Alles so tragisch auffassen“, unterbrach sie Robert gelangweilt. Sie aber ließ sich nicht beirren und fuhr fort:
„Geht schön des Sonntags in die Kirche, beobachtet die Fasten, aber wenn Euch Euer Bruder nicht zu Gesichte steht, dann beschimpft, verleumdet ihn.“ Fühlst Du den Widersinn? — — — Die Perle, die man Solchen zuwirft, die ihren Wert nicht verstehen. Pfui über die Augendienerei. Die Messe lesen, Sakramente austeilen — — Trinkgelage feiern, bis man alle Selbstbeherrschung verliert, und den häßlichsten Lastern fröhnen. Wem spielen sie eigentlich die Comödie vor? Das Volk hat gar gute Augen, ist auch nicht so einfältig, wie es sich ausgibt. Es beobachtet und findet schließlich, daß es nicht nötig habe „heiliger zu sein, wie die Pfaffen.““
„Was hast Du denn gegen die armen Geistlichen? Ich kann Dich versichern, daß Du ihnen sehr Unrecht tust. Du solltest einmal mitkommen. Eine Gemütlichkeit, sag’ ich Dir! Immer großartige Diners, die besten Weine, — kurz ein Leben wie der Herrgott in Frankreich. Immer guter Dinge, kreuzfidel. Geh’ komm, Tante — Mimi“, an mich gewandt — „nicht wahr, es wäre fesch? Du hast doch Lust?“