„Du weißt’s recht gut. Das fünfte Gebot lautet: „Du sollst nicht töten.“ Es ist also Sünde.“
„Ja, ja — das heißt im Allgemeinen.“
„Aha, ein Hinterpförtchen. Doch bleiben wir beim Gegenstand. Der vorsätzliche Totschlag ist Sünde und zwar vom religiösen und rein menschlichen Standpunkt. Der Körper ist der Sitz der Seele, die Gott nach seinem Ebenbild geschaffen. Dem Schöpfer allein steht das Recht zu, sein Werk zu vernichten, so hält Ihr es doch für richtig, nicht wahr?“
„Ja, das schon, aber —“
„Bitte laß mich vollenden. Dann bin ich bereit, Deine Einwendung zu hören. Kommt ihm also ein Anderer zuvor, ist er ein Frevler, ein Verbrecher und wird dem Gerichte ausgeliefert. Dann sitzen sie beisammen im Namen der Gerechtigkeit und sind ganz Entrüstung und Staunen, wie es nur möglich ist, daß ein Mensch genug Rohheit besitzt, um seinem Mitbruder das höchste Gut zu rauben. Es hat bisher noch Niemand zu behaupten gewagt, der Mord sei kein „Verbrechen“. Für Jenen, der ihn begeht, gibt es nur wenige Milderungsgründe: Zwingende Not, Geistesstörung im Moment der schrecklichen That, oder wenn die Umstände diese Vermutung ausschließen, böses Beispiel, mangelhafte Erziehung. Man könnte freilich auch behaupten, — nach Deiner Auffassung wenigstens — daß der böse Instinkt, seine eigentliche Natur den Menschen dazu treiben — von dieser Eventualität aber sehen die Richter gänzlich ab. Sie sagen auch niemals: „Ja, was ist da zu machen, es hat immer Morde gegeben und daher wird es immer so bleiben.“ Der Mann, der seine Hände mit Blut besudelt, ist ein Gezeichneter, ein Ausgestoßener, der Grauen und Abscheu — oder doch wenigstens tiefes Mitleid einflößt. — Das Leben des Einzelnen ist geheiligt: die Massen jedoch sind nur gut genug, um einem Wahne geopfert zu werden.“
Sie hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort: „Im Kriege ist der Mörder „Sieger“ und wird in dem Maße gefeiert, als er dem Feinde schonungslos begegnet. Er wird mit Ehren überhäuft, gelangt zu Ansehen und auch oft zu Reichtum, und wenn er auch schon lange unter der Erde modert, so lebt doch die Erinnerung an ihn fort. Sein Name steht mit Goldlettern verzeichnet in den Annalen der Geschichte, als eines Großen, Ruhmeswerten. Der Lehrer schildert in beredten Worten seine Heldentaten und weckt im andächtig lauschenden Knaben Sehnsucht nach ähnlichen Werken, glühende Bewunderung für den Unsterblichen. Im kleinen Herzen keimt, künstlich großgezogen, die Giftblume des Hasses gegen Feinde — von denen es sich nur eine vage Vorstellung macht. Und statt daß Seele und Verstand des jungen Wesens sich das Gleichgewicht halten, wird dieser mit unnützem Tande angefüllt, während jene verkümmert. — Es weiß genauen Bescheid über den achten Glaubensartikel und kann eine perfekte Erklärung des Parallelopipedons geben, und wenn man es fragt, warum Karl der Große und Napoleon große Helden waren, wird es erwidern: „Der Eine hat 4000 Sachsen den Kopf abhauen und ganze Heidenstämme gewaltsam taufen lassen, und Napoleon hat in sechs Schlachten gesiegt.“ Soldatenspielen, mit Gewehren hantieren, das ist ihre Lieblingsbeschäftigung, und die Mädchen umgeben in reger Fantasie den Vaterlandsverteidiger mit einer Aureole: Dereinst die Frau eines Officiers zu werden, das schwebt ihnen als Ideal vor. — Das tut dieselbe Erziehung“, fügte sie halblaut hinzu, „die beim Einzelmörder als Entschuldigung angeführt wird. Welche Logik.“
„Aber Tante, Du wirst doch einen Unterschied machen zwischen einem Schenk und einem Radetzky. Und dann, Gott selbst erlaubt, will den Krieg. Es heißt ja doch im Katechismus: „Zur Verteidigung des Vaterlandes.““
„Wenn’s Euch genehm ist, laßt Ihr immer Euern Gott aufmarschieren. „Du sollst nicht töten“, heißt’s im Dekalog ganz klar und deutlich, in voller Übereinstimmung mit den Geboten der Moral. Und im neuen Testament? Kannst Du mir etwa eine Stelle citieren, in der Christus den Krieg gutheißt?“
Robert betrachtete angelegentlich die Spitzen seiner Stiefel. „Momentan fällt mir gerade nichts ein.“
„Das begreife ich: weil ein solcher Passus überhaupt nicht existiert. Soweit der göttliche Standpunkt. Aber ich denke, auch ohne göttliche und weltliche Gesetze müßte uns das angeborene Menschlichkeitsgefühl abhalten, eine ausgesprochen schlechte Tat zu begehen. Das Gute ist ja an und für sich ein Gesetz; in unseren Herzen soll es eingegraben stehen; dann brauchen wir nicht in Folianten nachzuschlagen, den Katechismus zu befragen. Gut bleibt gut, da hilft kein Zurechtstutzen und Mystificieren. Es ist etwas so Häßliches um die gewollte Zweideutigkeit, um die Politik in der Religion. Doch da sind wir vom eigentlichen Thema etwas abgekommen.“ Sie hielt einen Augenblick inne, wie um neue Kraft zu schöpfen, und begann dann von Neuem. „Du hältst also den Krieg für gerechtfertigt und unvermeidlich, weil die Existenz des Menschen auf Kampf beruht, weil die Kriege immer waren, weil Gott sie gutheißt. Diese Argumente erweisen sich aber sehr wenig stichhaltig, wie Du siehst, oder weißt Du mir vielleicht sonst noch etwas anzuführen, was für Deine Behauptung spricht?“