Laß mich an deinen hochgeschwungenen Lippen
Nur eine flüchtige Sekunde nippen
Und aller Seligkeiten Fülle saugen...“
„Pfui Teufel! — Na, höre mal, da kann ich Tante Malis Entrüstung verstehn!“
„Warum denn?“ sagte Monika mit unschuldsvoll verwunderten Augen, „das ist doch schön. Und außerdem wahr. Ich liebte ihn doch.“
„Na, der erste Vers war heftig! Geht’s so weiter?“
„Nein! Es wird natürlich leidenschaftlicher! Es muß doch eine Steigerung geben, das ist doch ein ganz bekanntes poetisches Gesetz. — Aber wie gesagt: Mama war direkt schlecht und sagte, jetzt wüßte sie auch, warum ich immer am Dienstag und Freitag, wenn wir Geschichtsstunde haben, das neue, blaue Kleid anziehen wollte. Und Heinzemännchen sagte, ich sei sittlich verwahrlost. Na, das konnte ich mir doch nicht gefallen lassen.“
„Wie kannst Du aber auch Liebesgedichte schreiben?“
„Gott, dafür konnte ich doch nichts. Ich hatte mich doch in ihn verliebt. Kennst Du das nicht, wenn’s einem so warm im Herzen wird, als wollte das Herz aufblühen?“... Ein träumerisches Lächeln teilte die roten Lippen. „Und man ist so unglücklich und in all dem Schmerz liegt doch so eine Süßigkeit... Süßigkeit... so etwas Unnennbares — eine Erwartung, ach, ich weiß nicht...“