„O, Gleichgewicht ist so langweilig!“ sagte Monika. Ihre Augen und Zähne blitzten; sie fühlte ein starkes Bewußtsein von Kraft sie überfluten, wie immer, wenn sie sich gegen die Norm auflehnte. Und wie immer verbiß sie sich in den einmal gefaßten Gedanken, drehte und wendete ihn, zeigte ihn in verschiedenen Beleuchtungen wie einen Edelstein, auf dessen Schleiffläche man das Licht fallen läßt.
Sie sagte: „Das Gleichgewicht? Schrecklich ist das! Das schließt ja von vornherein alles aus, um das es sich lohnt zu leben: jeden Rausch schließt es aus, jedes Wunder schließt es aus.“
Der sarkastische Zug um seine Mundwinkel vertiefte sich.
„Glauben Sie an Wunder?“
„Ja.“
Sie war hinreißend schön in diesem Augenblick; ihre Züge waren wie verklärt vom heißen Glauben der Jugend, dem nichts unmöglich scheint, nichts unerreichbar. Der sich Wunder schafft mitten im grauen Alltag.
„Möglich, daß Sie beneidenswert sind,“ sagte er. „Ich habe nie an Wunder geglaubt, ich bin ein nüchterner Mensch, an allzuviel Phantasie leidet meine ganze Familie nicht.“
Dann ging das Gespräch weiter. Monikas elektrische Art ließ den Mann mehr aus seiner norddeutschen Reserve heraustreten, als er sonst wohl tat. Er fühlte sich angeregt wie selten, im Banne dieser dunkeln Augen, dieses lachenden, roten Mundes, der frühreif geistreiche und kindisch dumme Sachen durcheinanderplauderte.
Er hätte gern gewußt, welchen sozialen Kreisen Monika angehörte; ihr Wesen und ihre Bildung ließen auf beste Herkunft schließen, aber zwischendurch äußerte sie mal plötzlich eine Frivolität oder eine recht naturalistische Auffassung, die nicht zu dieser Vermutung passen wollte.
Jedenfalls war sein Ton dadurch freier zu ihr, als er es gewesen wäre, wenn er ihr in einer Privatgesellschaft vorgestellt worden.