Zu Hause gelang es ihr, den bevorstehenden Besuch als ganz gleichgültige, gesellschaftliche Förmlichkeit hinzustellen. Sie sagte, daß Frau von Wetterhelm ihr diesen Vetter auf dem Basar vorgestellt, sie habe ihn neulich zufällig auf der Straße getroffen, und er habe gesagt, daß er diesen Sonntag Besuch machen wolle.
Die Baronin war von dem Besucher nicht sehr entzückt. Er war ihr zu förmlich gewesen. Eine knappe Viertelstunde hatte er im Salon gesessen, und während dieser Viertelstunde hatte Frau von Birken das unangenehme Gefühl, daß er auf die abgestoßene Ecke des schwarzen Tisches sah, und wenn er mal die Augen wo anders hinwendete, so blickte er entschieden suchend auf den fehlenden Henkel der blauen Sèvresvase.
Monika hatte still wie eine Puppe auf ihrem Stuhl gesessen und kaum die Augen aufgeschlagen. Sie war im Banne der brüderlichen Ueberwachung. Alfred, der sonst an Sonntagen spurlos verschwand, war zu Hause geblieben, und Heinzemännchen, der einen endlos langen schwarzen Gehrock trug, den er sich angeschafft hatte, um würdiger und älter zu erscheinen, bewachte sie wie ein Höllendrache. Kurz: Monika war ehrlich unglücklich, als Wetterhelm sich verabschiedet.
Sie spähte hinter den heruntergelassenen Stores hindurch, um ihn noch einmal zu sehen. War’s Einbildung — oder ging er wirklich nicht ganz so straff wie sonst — den Kopf wie gedankenverloren ein wenig gesenkt?
In der Tat war es ein intensives Nachdenken, das Georg Wetterhelm erfüllte, ein Zwiespalt von Gedanken und Gefühlen.
Sein Leben war bisher in so glatten Bahnen verlaufen, er hatte nach dem Programm gelebt, das er sich selbst von seinem Leben entworfen. Er hatte seine Examina gut bestanden, war Rittmeister der Reserve bei den Garde-Ulanen; seine Gesundheit war ausgezeichnet, seine Vermögensverhältnisse rangiert. Er hatte gute Zukunftsaussichten, hoffte, später in die Diplomatie übernommen zu werden. Er hatte die Absicht, seine Konnexionen durch eine passende Heirat zu verstärken.
Und nun sollte sein Lebensplan aus der Ordnung gebracht werden durch so einen süßen Wildfang, durch dieses hübsche, geistreiche, ungebärdige Persönchen, das neulich auf dem Basar sein kühles Wesen ganz mit Glut erfüllt. Sie hatte ihm einen Eindruck gemacht, wie er sich kaum erinnerte, ihn je empfangen zu haben. Und doch entsprach sie auch nicht im mindesten dem Bilde, das er sich in Gedanken von seiner zukünftigen Lebensgefährtin gemacht. Er fand sie zu jung, zu ungezügelt, mit einem bedenklichen Hang, eigene Wege zu gehen.
Er hatte sich das alles gleich nach ihrer ersten Begegnung gesagt, aber die Wirkung, die sie auf ihn gehabt, war eine zu mächtige gewesen.