„Du mußt verzeihen, Mama, wenn ich nicht oft mehr komme; auf Heinrichs Ton steht mir eine entsprechende Antwort nicht mehr zu Gebote.“
Und sie ging, nachdem sie ihrem Bruder sehr höflich die Hand gereicht und der Mutter einen Kuß auf die Wange gehaucht.
Heinrich sagte nachher ganz erschüttert: „Mama, früher wenn ich ihr sowas gesagt hätte, hätte sie mir was an den Kopf geworfen, hätte sich verteidigt, mich widerlegt, — und, glaube mir, es wäre mir lieber gewesen, sie hätte mit einem Donnerwetter geantwortet, als so!... Sie hatte ja früher gefährliche Anlagen, gewiß — — sie war eine Pantherkatze... Aber sie war doch wertvoll und originell. Und jetzt?... Eine Larve, Mama, eine Gesellschaftspuppe, — ein Kieselstein — und war doch einmal ein Kristall!“
„Ja, sie hat keinen Funken von meinem Gemüt,“ sagte die Baronin traurig, „aber laß Dich das nicht anfechten, mein süßer Liebling, ärgere Dich nur nicht darüber! Du siehst schon ganz angegriffen aus, mein Heinuckelchen!“
Heinrich strich sich über die Schläfen. „Es wird vorübergehen.“
„Aber Du siehst schlecht aus, ja wirklich,“ beharrte Frau von Birken mit einer so überzeugenden Wärme, daß Heinrich ganz unwillkürlich ein leidendes Gesicht machte.
„Sag’, was hast Du denn, mein Einziges? Arbeitest Du vielleicht zu viel? Ach Gott, Jurisprudenz ist sicherlich das schwerste Studium von allen, aber Deines Geistes würdig. Nur überanstrenge Dich nicht! Schone Dich, mein Heinzemännchen, schone Dich!“ —
Und das Sich-schonen besorgte Heinzemännchen redlich. Das erwählte Studium sagte seiner träumerischen Natur nicht sehr zu. Am wohlsten fühlte er sich im Kreise der jungen und jüngsten Literaten, mit denen er sich jeden Nachmittag in einem Café traf. Man saß dort viele Stunden zusammen, trank schwarzen Kaffee und schimpfte auf die herrschenden Literaturgrößen. Dieser Zeitvertreib wurde dadurch belebt, daß auch die Weiblichkeit vertreten war. Eine junge Dichterin, die jedem, den sie kennen lernte, in den ersten fünf Minuten versicherte, daß sie „sehr pervers“ sei — zwei Vortragskünstlerinnen vom Kabarett „Zum Regenbogen“ — und eine Barfußtänzerin beschäftigten sich damit, den jungen Poeten himmlische Rosen ins irdische Leben zu flechten.
Heinzemännchen nahm einen ehrenvollen Platz in diesem Kreise ein. Die Weisheit, die er hier lernte, machte mehr Eindruck auf ihn als die im Hörsaal. Das war so recht was für ihn, diese endlosen Diskussionen bei Kaffee und Zigarette über Naturalismus, Mystizismus, Symbolismus, Neo-Impressionismus, — — nur unterbrochen durch den Vortrag von lyrischen Gedichten, die bei allen anwesenden Freunden des jeweiligen Autors brausende Beifallsstürme hervorriefen.