Sie konnte nicht weiter lesen. Brennende Tränen verdunkelten ihren Blick und stürzten ihr aus den Augen. Das waren die heißesten Tränen, die sie je geweint. Es war ihr, als verbrennten sie ihr die Haut, indes sie ihr über die Wangen rollten.

Das Schluchzen schüttelte sie wie ein Sturm. Sie hörte gar nicht, daß die Tür des Nebenzimmers geöffnet wurde.

Georg trat auf seine Frau zu. Er sagte bewegt:

„Liebling, gib Dich diesem Schmerz nicht so hin.“

„Warum nicht?“ fuhr sie auf. „Warum soll ich mich diesem Schmerz nicht hingeben? Mein Bruder starb, und... durch unsere Schuld.“

„Durch unsere Schuld? — Das sind Hirngespinste, Monika. Er suchte den Tod, weil er keinen sittlichen Halt hatte. Er war ein Kind, das sein kostbarstes Gut — das Leben — verschleuderte und wegwarf wie andere Kinder eine Glaskugel.“

„Er starb, weil Du hartherzig warst und ich es mit Dir.“

Er strich ihr begütigend übers Haar. Sein Gesicht wurde um eine Schattierung blasser, als sie bei dieser Berührung zurückzuckte.

„Liebling, Deine Nerven sind jetzt zu angegriffen. Das ist die Ursache, daß Du etwas so Unzutreffendes sagst. Wir waren nicht hartherzig. Kein vernünftiger Mensch konnte dem Jungen ohne weiteres die Bitte gewähren — das habe ich Dir auseinandergesetzt.“