Die Wohnung bestand aus drei Stübchen und einer kleinen Küche. Die letztere wurde wenig benutzt, da die Mädchen ihre Mahlzeiten in einem Restaurant einnahmen und sich zu Hause nur das erste Frühstück bereiteten. Bertha hatte zwar zuerst vorgeschlagen, hier zu kochen, aber sie hatte es bald aufgesteckt. Es war gar zu unbequem. Allein das Feuermachen erforderte so viel Zeit und Mühe, und es war so umständlich, die Vorräte die vier Treppen hinaufzuschleppen.

Außerdem war Olga Nikolajewna den kulinarischen Bestrebungen Berthas durchaus feindlich gesinnt.

Sie behauptete: viel Essen wirke schädlich auf die Gehirntätigkeit. Nur die Deutschen äßen so viel, und Bertha würde es nie zu etwas bringen, wenn sie sich nicht auch angewöhne, des öfteren nur von Tee und Zigaretten zu leben.

Auch „Ordnung halten“ erklärte Olga Nikolajewna für eine von Berthas schädlichen Angewohnheiten. Dieses ewige Wegräumen war schrecklich! Jedenfalls bäte sie, ihre Sachen nicht anzutasten. Die lägen so, wie sie müßten.

Und Bertha schenkte diesen Ausführungen ein williges Ohr. Sie nahm ja so leicht die Anschauungen ihrer Umgebung an. So wie sie früher auf die Ansichten ihrer deutschen Kolleginnen geschworen, die aus dem naiven, jungen Mädchen eine Frauenrechtlerin gemacht, ebenso ließ sie sich jetzt die Ansichten des internationalen Kreises aufpfropfen, der ihren Verkehr bildete.

Es waren gar verschiedenartige Leute, die sich da oft in ihrem kleinen Wohnzimmer zusammenfanden. Viel Platz war nicht auf dem roten Kattunsofa und den paar wackligen Rohrstühlen. Aber es standen eine Anzahl umgestülpter Kisten bereit, die als Sitzgelegenheiten dienten.

Die Bewirtung beschränkte sich auf Tee. Rauchmaterial brachte jeder selber mit.

Oft verschwamm das Stübchen in einem wahren Schwaden von Rauchwolken. Und man diskutierte über die neuesten Heilmethoden, über philosophische Systeme, über uralte und ewig ungelöste Menschheitsfragen.

Es hatte sich ein ganz bestimmter Kreis herausgebildet, Stammgäste, die immer wiederkamen: Dimitri Iwanowitsch Lagin, ein Landsmann von Olga, der einen düsteren Märtyrerkopf und schmutzige Fingernägel besaß; Hans Fischer, ein sehr jugendlicher Mediziner, der ein Schüler von Berthas Vater gewesen und Bertha den gleichen angstvollen Respekt entgegenbrachte wie dereinst seinem Ordinarius; Marie Kramer, eine freundliche dicke Blondine, die nun schon im achten Semester studierte und immer noch unglaublich erstaunt darüber war, daß sie es fertig gebracht, „ihre Angehörigen zu verlassen, ihrer inneren Stimme zu folgen“.