„Liebste Mama,
jetzt bin ich also wieder in dem geliebten Sarkow. Die Verwandten sind sehr nett zu mir, ausgenommen Marie, die so hacksig ist wie immer.
Bei der Liese war ich auch schon.
Liebe Mama, ich wollte ja sehr gern von zu Hause weg, aber als der Zug sich in Bewegung setzte und ich Euch gleich darauf nur noch aus der Ferne sah, da wurde ich doch riesig traurig. Ich habe mich auf der langen Fahrt hierher gefragt, warum eigentlich alles so gekommen ist, und warum wir uns die letzte Zeit so schlecht standen, wo es doch früher so herrlich war. — Damals, als ich noch klein war und Dir alles, alles sagte. —
Du hast in der letzten Zeit manchmal gesagt: wenn Dein Vater noch lebte, wärst Du nie so geworden!
Aber das ist ganz falsch. Das hat gar nichts mit Papas Tode zu tun — als ob ich jetzt weniger Angst hätte! Denn Angst habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gehabt!
Aber mir sind im letzten Jahre so viele Gefühle und Empfindungen gekommen, ich weiß selbst nicht woher — so vieles, was gar nicht zu definieren ist.
Ich kann Dir nur sagen: wie Ihr mich zu Hause behandelt habt, das ist mir oft vorgekommen, als wenn man eine Pantherkatze wie einen Kanarienvogel erziehen will! Ach Gott, wie schön muß das sein, wenn man frei ist! Frei in der herrlichen Welt, sich sein Glück zu erkämpfen. Ich möchte Glück! Ich möchte alles haben, was schön ist und reich! Ich möchte den Ruhm und die große Liebe und Rausch und Glanz!
Jetzt wirst Du wieder sagen, ich sei zu frühreif. Ja, aber Frühreife ist doch auch eine Reife! Und dabei dann gequält werden mit tausend Verboten und Vorschriften, und mit Klavierüben und Anstand und Staubwischen! Gequält werden mit tausend Nichtigkeiten und Kinkerlitzchen! —