Uebrigens, ich hätte Dir zuliebe sehr viel davon ausgehalten, liebe Mama, aber was nicht auszuhalten war, das war die Behandlung, die Du mir durch Alfred und Heinrich angedeihen ließest. Warum waren die mir zu Aufpassern und Richtern bestellt? Warum? — Sind sie besser als ich oder reifer? —

Ich würde mich schämen, wenn ich nur die Hälfte so dumme Streiche machte wie die.

Sind sie klüger als ich? — Ich möchte wissen wo!

Da sind sie nun im Gymnasium, haben die besten Lehrer — und sind so faul, daß sie die eine Hälfte ihres Pensums nicht wissen und die andere Hälfte abschreiben.

Und ich mit meinem glühenden Wissensdurst und meiner ungewöhnlich guten Auffassungsgabe werde mit dem Bröckchen der Mädchenschulerziehung abgespeist und alle Werte der Menschheit erhalte ich ad usum Delphini zurechtgemacht — wenn Du soviel Latein verstehst, Mamachen.

Und dann in anderer Beziehung: Ich will nicht davon sprechen, welche Sorte „Flammen“ Alfred und Heinrich haben, aber daß meine Brüder die Frechheit besitzen, über meine Liebesgefühle zu Gericht zu sitzen, das ist nicht zu ertragen!

Warum soll ich denn weniger empfinden als sie? Habe ich denn nicht auch Fleisch und Blut und Nerven und Empfindungen? — Na, lassen wir das. Ich ärgere mich bloß, wenn ich daran denke.

Und ich will mich nicht ärgern, sondern selig sein, daß ich jung bin, und daß das Leben schön wird. Vorläufig stehe ich ja noch davor wie vor einem verschlossenen Garten. Die Mauer ist hoch, aber drüber her hängt doch manch ein Blütenzweig. Der zeigt mir an seinen kleinen, rosigen Blüten, wie süß die tausend Frühlingswunder sein müssen, die hinter der Mauer sind — im Garten des Lebens.

Ich wollt’, ich dürfte schon hinein!