Und trotzig griff sie aufs Geratewohl in den kleinen Stoß von Heften in ihrem Schreibtisch, nahm eines davon heraus und gab es nach dem Diner dem Grafen Lork.
Auf den Blättern stand:
„In die Vasen auf meinem Kaminsims habe ich weiße Rosen gestellt. Halberblüht sind sie. Ihre schweren Kronen sehen aus wie aus Elfenbein geschnitzt; geschnitzt von einem primitiven Meister, denn ihr Kern ist noch plump. Die blassen Blätter liegen so fest übereinander, daß sie eine einzige Masse bilden.... Nur zwei, drei der äußersten Blütenblätter fangen an, sich von dem festen Kern zu lösen, und unter ihnen sitzen die zwei Hüllenblätter, weit auseinandergetan, sonderbar tiefrosig überhaucht.... Wie blutbefleckt sehen diese offenen Kelchblätter aus.
Inmitten all der Rosen, all dieser weißen, halberblühten, mit den zwei blutigen Hüllenblättern, prangt die eine, die voll erblüht ist. Jedes einzige ihrer Blätter hat seine Schönheit vollendet, hauchdünn und leicht zeichnet es seine Form in zarter Kontur. Und in der weitgeöffneten Rose glüht der goldhelle Blütenstaub.
Vollendung!...
Warum gibt es so viele, die die halbgeöffnete Rose mehr lieben als die vollendete? Ist es der uralt ewige Fluch der unseligen Prometheuskinder, die ihr Glück immer nur in der Zukunft sehen? Denen die Ahnung einer seligen Zukunft lieber ist als die seligste Gegenwart?
Ach, diese Rosen beschreiben — wie kann man das? So beschreiben, daß man sie duften fühlt, daß man die seltsam rosigen Hüllenblätter sieht... und mit den Nerven der Fingerspitzen fühlt, wie unendlich weich und kühl diese Blütenblätter sind.
Die Sprachen sind alle unzureichend, zu wenig ausgebildet.
Wie viel tausend Empfindungen haben wir, die wir nicht sagen können, weil die Sprache keine Worte hat, um die tausendfarbigen Nuancen zu bezeichnen.
Wir stehen da wie Robinson auf seiner Insel. Unsere Werkzeuge sind zu einfach, unsere Waffen zu stumpf.