Mitunter kommt es wohl vor, daß man in einem Gedicht ein paar Worte hört, die einem die Nerven erzittern lassen, daß man schauernd ahnt, wie schön die Sprache sein könnte, wenn man sie pflegte und veredelte, wie der Gärtner die Rosen pflegen mußte, ehe sie so kühlweiße Kelche hatten mit zwei blutrosigen Hüllenblättern.
Aber alle Sprachen sind ungepflegt, sind Stückwerk. Keine von ihnen kann die Nuancen geben.
Schade! Worte sind doch alles.
An Worten hängt unser Schicksal. Wie wenig haben Taten oft zu bedeuten! Taten gibt es, die nicht mehr zu erkennen sind unter der Last von tausenden schwirrenden Worten. Taten, die entstellt werden durch Worte, wie ein schönes Jünglingsantlitz durch Wunden, wie ein holdes Mädchengesicht von fressendem Aussatz.
Andere wieder werden durch Worte so wundersam verschleiert wie eine Landschaft durch einen Nebelhauch.
Ach, Worte...
Und zu fühlen: die Worte, die wir kennen, sind zu schwach, sie, die uns Flügel sein sollten, sind uns nur Krücken!
Wohl könnte ich sagen, was für Rosen in den Vasen auf meinem Kamin blühen, aber wie soll ich das Glück beschreiben, das ich empfinde beim Anschauen dieser Pracht, beim Anschauen dieser schwellenden Rosen, die schönheitsstrotzend ihrem Tode entgegenblühen?“ — —
Am nächsten Tage, während der Morgen-Bootfahrt, sagte Lork zu Monika:
„Ich kann Ihnen nicht sagen, einen wie tiefen Eindruck Ihre Zeilen mir gemacht haben. Besonders darum, weil sie Gedanken enthalten, die ich oft gefühlt und die ich nie in Worte habe bringen können. Zum Beispiel das, was Sie über die Sprache sagen. Wie oft habe ich das empfunden: es gibt tausendfache Gefühlsnuancen, für die wir keine Worte haben. Besonders, wenn es sich um Liebe handelt. Gerade das Erwachen der Liebe ist mit Worten nicht zu bezeichnen, jenes Stadium, das eigentlich noch keine Liebe ist, auf das aber die Liebe so unbedingt folgt wie Frühling auf den Vorfrühling. Jenes Stadium, wo man einer Frau die Hand küßt und dabei anfängt, an ihre Lippen zu denken.....“