Als das junge Mädchen gegangen war, verfiel Rodenberg wieder in das stumme Brüten, das er sich in den letzten Jahren angewöhnt hatte.

Seine Gedanken flogen zurück in die Zeiten, von denen Monika gesprochen.

In der geistigen Vereinsamung, in der er hier immer gelebt, war es ihm geradezu ein Genuß gewesen, die empfängliche Kindesseele zu bilden, Monikas auffallend früh entwickeltem Geiste stets neue Nahrung zu geben. Mit dem Interesse des Arztes und Forschers hatte er beobachtet, wie gierig das Kinderhirn jeden Eindruck verarbeitete, wie jedes Wort auf fruchtbaren Boden fiel.

Für den Doktor war es ein Schlag, daß Birkens fortzogen. Es wäre ihm eine wahrhafte Freude gewesen, Monika auch fernerhin geistig zu formen. Auch war das Birkensche Haus das einzige, in dem er verkehrte. In seinem öden Leben war die strahlende Freundlichkeit der Baronin Birken ein Lichtpunkt gewesen.

Die lebhafte, hübsche Frau mit der unnatürlich schlanken Taille und der kunstvollen Frisur hatte eine ausgesprochene Vorliebe für den Doktor.

Sie war liebenswürdig, kokett, sehr kapriziös, dabei ohne jede Energie — ein schlankes, schwankes Schilfrohr.

Es hatte mal eine Zeit gegeben, wo sie dem Herzen des Doktors gefährlich gewesen war. Ein paar unvergessene Sommerabende auf des Herrenhauses Terrasse, während vom Park herauf der Flieder duftete.

Ja, so hatten die Fliederbüsche wohl nie wieder geblüht wie in dem Jahre — in so lastender Fülle — und so betäubend hatten sie wohl nie mehr geduftet wie damals.

Baron Birken war, wie so oft, bei „seinem“ Regiment in Hahndorf gewesen. Und der Doktor las auf der Terrasse Frau von Birken vor: Mirza Schaffys Gedichte.