„Liebe Mali,

Deine Bitte, Dir genau mitzuteilen, wie Monika sich hier bei uns macht, erfülle ich gern. Nach allem, was Du mir von ihr geschrieben, bin ich nicht ohne Besorgnis gewesen, sie bei uns aufzunehmen. Leider hat unsere Tochter Bertha schon sowieso nicht den Ernst, welcher nötig ist, um die wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen, für welche ich sie bestimmt habe. Bertha findet einstweilen an kindischen Vergnügungen: Schlittschuhlaufen, Tanzstunde usw. viel zu viel Vergnügen. — Sie bereitet sich jetzt unter Leitung meines Mannes auf das Abiturium vor. Leider weiß sie das Opfer, das ihr Vater ihr bringt, indem er ihr so viel von seiner Zeit widmet, die doch durch seinen verantwortungsvollen Beruf als Oberlehrer schon so sehr in Anspruch genommen ist, nicht genügend zu würdigen.

Offen gestanden, ich habe sehr gefürchtet, daß Monika, wie Du sie mir geschildert hast, einen ungünstigen Einfluß auf Bertha ausüben würde — um so mehr, als sie gerade aus Sarkow kam.

Du weißt: Deine Schwägerin, Frau von Holtz, nötigt mir nicht gerade hervorragende Achtung ab. Sie ist so recht eine Frau von der alten Schule — ohne jedes Verständnis für die ungeheure Bewegung, die sich seit Jahrzehnten in der Frauenwelt vollzieht.

Sie erzieht auch ihre Tochter in tadelnswert unmoderner Weise, hat das dringende Bestreben, Marie bald zu verheiraten, lehrt ihre Tochter, in der Heirat das Endziel jeden Frauendaseins zu sehen. Ich weiß das alles von Monika, welche ja leider für ihre Tante Holtz sehr viel Zuneigung entfaltet.

Entschieden hat Frau von Holtz auf Monika nur verderblich gewirkt. Als Deine Tochter ankam, schwärmte sie uns vor von dem blauen Ballkleide, das ihre Tante ihr hatte arbeiten lassen — denke Dir: dekolletiert! — meiner Meinung nach sehr ungeeignet für solch junges Mädchen.

Ich möchte Dir auch nicht verhehlen, liebe Mali, daß Frau von Holtz Deiner Monika wie auch ihrer Tochter Marie vor den Bällen das Gesicht mit Reispuder gepudert hat — eine Handlungsweise, die sich zu sehr charakterisiert, als daß ich sie näher bezeichnen möchte.

Erfreulicherweise wird Monika sich nicht dauernd von diesen frivolen Ratschlägen beeinflussen lassen.

Mit Dank und Verständnis nimmt sie es auf, wenn ich ihr klarmache, daß es nicht das Lebensziel einer modernen Frau sein darf, hübsch auszusehen und liebenswürdig zu sein, sondern daß es der innere Wert ist, der eine Frau zu dem Vollmenschen gestaltet, den unsere Zeit verlangt.