Der Student war wieder verblüfft, lachte darauf aber nicht. Er merkte, daß er mit dem Mädchen anders verfahren müsse, als er es bisher gewohnt gewesen, und da er unglaublich in sie verliebt war, begann er zu kapituliren. Das aber half ihm nichts, sie war zu klug und durchschaute seine gleißenden Worte. Dazu liebte sie ihn eigentlich gar nicht mehr, sie dachte an den Lieutenant, an den Grafen, sie konnte ja nur zugreifen; ja, mit einemmal war es ihr, als müsse sie sich von dem Studenten losreißen, um einem höheren Geschicke entgegen zu gehen. Das gab ihr Muth, jetzt die Tugendheldin zu spielen. Sie hielt die schönsten Reden; selbst als er versicherte, Ostern wolle er mit seinen Eltern reden und nur bis dahin müsse die Sache geheim bleiben, blieb sie standhaft, – und als er sie bestürmen wollte mit seiner Liebe und seinem Unglück, verschloß sie sich in die Kammer. Die Mutter spielte eine traurige Rolle dabei, ihr Herz war weicher, als das der Tochter, sie hätte den Unglücklichen gern glücklich gemacht, – dazu die schöne volle Börse auf dem Tisch, – und versuchte ihn zu beruhigen, versprach mit der Tochter zu reden, und entließ ihn so nicht ganz ohne Hoffnung. Klärchen aber that stolz wie eine Königin. Siehst Du, sagte sie zu ihrer Mutter, so muß man es machen, spaßen lasse ich nicht mit mir! Und weil sie doch im Inneren eine große Demüthigung fühlte, daß ihr der Mediziner entschlüpfte, wie der Mutter Rechtsgelehrter, so that sie mit Worten besonders groß, ließ ihr Glück bei den adeligen Herren ahnen, und um die Mutter vollständig mit dem ersten Abenteuer auszusöhnen, duldete sie es, daß diese die volle Geldbörse des Mediziners in Verwahrung nahm.

Auf ihrem Stübchen aber brach sie in Thränen aus, nicht Thränen der Reue über ihren Leichtsinn, nein, sie weinte über ihre Dummheit, sich mit diesem rohen Menschen so weit eingelassen zu haben. Wenn es die Generalin, wenn es der Lieutenant wüßte! Aber sie wissen es nicht und werden es nie erfahren, war ihr Trost; du willst vorsichtiger sein, dich nie mit so rohen Menschen einlassen. Um sich vollständig zu trösten, wiederholte sie sich die Unterredung der Generalin mit ihrem Sohne. Es konnte ihr nicht fehlen, – sie taumelte sich in einen neuen Himmel der Zukunft und schlief beruhigt ein.

Ihr Rouleau kam nun den ganzen Tag nicht mehr in die Höhe, und die Köchin, die schon angefangen, aufmerksame Augen auf sie und den Mediziner zu werfen, ward wieder ganz ruhig.

Die Generalin aber war nicht ruhig, sie sah die Augen ihres Sohnes fortwährend auf Klärchen gerichtet, und diese war ganz besonders sanft und holdselig. Der Graf hatte gesagt: das Mädchen sei ganz verteufelt stolz und spröde, und Alfred hatte das mit Triumph der Mutter erzählt und dabei fallen lassen, daß ihre Bildung eigentlich über die eines Kammermädchens hinausgehe. Klärchen hatte das glücklicherweise wieder erlauscht, denn wenn Mutter und Sohn allein in der Stube waren, kam sie nicht viel vom Schlüsselloch fort. Das waren selige vierzehn Tage, und ihr Kopf war voll der tollsten Pläne und Träumereien.

Aber die Tage vergingen und die Zeit der Trennung kam; ja, der Lieutenant war eines Morgens abgereist, ohne daß Klärchen etwas davon geahnet. Sie war plötzlich eine andere, sie war zerstreut und träge, erst der Generalin ernste Blicke mußten sie wieder etwas zu sich bringen.

Nach einigen Tagen saß die Generalin einen ganzen Morgen am Schreibtisch mit Schreiben beschäftigt; dazwischen ging sie sinnend in der Stube auf und ab. Klärchen kalkulirte richtig: sie schreibt an ihren Sohn. Um Alles in der Welt hätte sie den Brief gern gelesen. Wenn er nur heut nicht fortgeschickt wird, so ist's möglich, dachte sie. Und wirklich ward er nicht fortgeschickt; der Nachmittag war unruhig, den Abend war die Generalin in Gesellschaft, sie fand nicht Zeit, ihn zu vollenden. Mit klopfendem Herzen hörte Klärchen ihre Dame fortfahren, der Bediente hatte sie begleiten müssen, so war jetzt die beste Zeit, ihren Plan auszuführen. Was sie an kleinen Schlüsseln finden konnte, suchte sie zusammen und versuchte das Schloß zu öffnen. Ihre Hände zitterten, und zehnmal wohl lief sie nach dem Vorsaal, um zu hören, ob auch Niemand komme. Sie fühlte zum erstenmal eine heftige Gewissensangst, aber zum erstenmal auch ging sie von der Stufe der Thorheit und des Leichtsinns eine weiter hinunter zum Verbrechen. Gleich einem Diebe stand sie zitternd vor dem verschlossenen Tisch, sie war ja wirklich im Begriff zu stehlen.

Doch das Schloß wollte nicht weichen, der Wagen der Generalin kam zurück, Klärchen verließ hastig und scheu das Zimmer.

In ihrem Stübchen überlegte sie sich die Sache ruhiger, ja sie machte sich Vorwürfe über ihre Angst, beredete sich, daß es gar nichts Großes sei, einen fremden Brief zu lesen, und hätte gern gleich ihre Versuche wiederholt. Sie mußte aber warten, bis der Bediente fort fuhr, um seine Dame wiederzuholen. Jetzt ging sie schon getroster daran. Uebung macht bei solchen Dingen bald den Meister, darum heißt es: Hüte dich vor dem ersten Tritte, mit ihm sind bald die anderen Schritte zu einem nahen Fall gethan! Aber auch jetzt bei größerer Ruhe ging das Schloß nicht auf, und Klärchen mußte die auf's Höchste angeregte und unbefriedigte Begierde mit zu Bett nehmen.

Am andern Morgen ging sie, wie gewöhnlich, im Schlafzimmer der Generalin einzuheizen. Wie gewöhnlich lag auf dem Tischchen neben der Nachtlampe der Schreibtisch-Schlüssel. Ruhig hatte ihn Klärchen immer dort liegen sehen, heute trieb sie der Teufel an, sie nahm den Schlüssel, verließ das Schlafzimmer, schloß die Thür hinter sich, auch die nach dem Vorsaal, obgleich der Bediente nie um diese Zeit hier etwas zu thun hatte, und nun schloß sie mit Leichtigkeit das Schlößchen auf. Da stand ein volles Geldkästchen, daneben lag der Brief; das Geld reizte sie nicht, wohl aber der Brief. Sie durchflog ihn mit Hast, aber erfuhr genug. Die Mutter warnte den Sohn vor dem eignen Herzen: sie möchte ihn vor einer Liebe bewahren, die ihn, wenn auch nicht für Jahre, doch für Tage unglücklich machen könne. Darauf schilderte sie Klärchens Wesen und Gedanken mit solcher Wahrheit, daß Klärchen feuerroth beim Lesen dieser Worte wurde. Ja, die kluge Frau hatte sie in ihrem koquetten Treiben und verdrehten, überbildeten Träumereien durchschaut. »Sie ist ehrlich und treu, geschickt und fleißig,« schloß die Generalin diese Schilderung, »darum werde ich sie jetzt nicht gehen lassen, ich werde es mir aber zur Pflicht machen, sie besser zu überwachen, was mir bei meinem jetzigen stilleren Leben nicht schwer werden soll.«

Klärchen war in großer Aufregung. Sie legte den Brief wieder an dieselbe Stelle, schloß den Kasten und legte den Schlüssel zurück an seinen Platz. Die Sache war herrlich geglückt, und wenn sie auch manches Unangenehme aus dem Briefe erfahren, so doch auch das Erfreuliche: der Lieutenant liebte sie, die Mutter fürchtete. Ihre größte Begierde war von jetzt an, die Antwort des Sohnes zu lesen; mit höchster Aufmerksamkeit kontrollirte sie die Briefe, die zu ihrer Dame kamen. Acht Tage vergingen, da endlich entdeckte sie das Postzeichen von Berlin und das Familienwappen. Die Generalin nahm den Brief in höchster Spannung aus Klärchens Hand und erbrach ihn schnell. Klärchen aber räumte den Frühstückstisch ab, ordnete hier, wischte dort, und warf dabei manchen forschenden Blick auf die Leserin, deren Züge erst sehr ernst waren, aber immer freundlicher wurden und sich endlich in eine fröhliches Lächeln auflösten. Dies Lächeln war ein Dolchstoß in Klärchens Herz, und noch nie war ihr ein Tag so lang geworden als dieser, denn vor dem anderen Morgen konnte sie das Kunststück mit der Eröffnung des Tisches nicht wiederholen.