Doch der Morgen kam, Klärchen heitzte eine halbe Stunde früher als gewöhnlich ein, die Generalin lag noch im ruhigen Schlummer. Klärchen nahm den Schlüssel, der Brief lag ganz oben in der Mappe, sie öffnete schnell und las:
»Wenn ich Dir, theuerste Mutter, Sorge machte, so thut es mir herzlich leid, ich kann Dir aber mit festem Herzen versichern, daß es unnöthig war. Ich leugne nicht, daß mich im Anfange das hübsche Mädchen interessirte und ich neugierig war, ob wirklich hinter der schönen Hülle das verborgen sei, was man wünschen und vermuthen mußte. Ich stimme aber ganz mit Dir im Urtheil über ihren Charakter ein; in den letzten Tagen habe ich Blicke in ihr Wesen gethan, die mich von einem gemeinen und koquetten Sinn überzeugten. Ich fürchte fast, es wird Dir schwer werden, sie zu überwachen. Graf Bründel ist ernstlich verliebt und wird nicht Geld und Mühe sparen, ein Verhältniß anzuknüpfen,« –
Jetzt regte es sich im Nebenzimmer, Klärchen fuhr erschrocken zusammen. Sie lauschte, es schien ihr wieder still; aber ihre Angst war groß und sie sah nur noch nach dem Ende des Briefes:
»Ja, liebe Mutter, mein Herz war schon leise beschäftigt, ehe ich zu Dir kam. Die edle Reinheit meiner Adelheid hat mich von neuem überwältigt, ich hoffe Dir bald eine würdige Tochter« –
Hier regte es sich abermals im Schlafzimmer der Generalin, Klärchen legte den Brief schnell in die Mappe, schob den Geldkasten wieder zurecht und schloß eiligst den Kasten. Welch eine Entdeckung war das!
Schmerz und Zorn bewegten Klärchens Herz. Hier war also nichts zu machen, der Mensch war nicht poetisch, nicht romantisch genug, um etwas Ungewöhnliches der Welt gegenüber zu thun! Alle Qualen unglücklicher Liebe, die sie je in einem Romane beschrieben gefunden, kamen über sie. Zum Glück nicht für sehr lange.
Es war ein sehr kalter Winter. Selbst Mitte Februar begann er noch einmal mit aller Strenge zu regieren. Der Himmel war klar, die Sonne glitzerte hell auf den weißen Dächern, die Leute trippelten an einander vorüber, konnten sich der rothen Ohren und Nasen nicht erwehren, und die Blumen an den Fenstern thauten kaum um Mittag ein wenig ab.
Gretchen verlebte hinter den Eisblumen stille Tage. Sie saß ihrer Mutter gegenüber und spann, und spann und sann, und hauchte sich zuweilen ein Fensterchen in den Eisgrund, schaute, daß der Himmel blau, die Sonne golden war, dachte an den Frühling, an Blüthen, Bäume und Vögelgesang und andere schöne Dinge, und das Herz schlug ihr warm hinter den kalten Eisblumen. Zuweilen entdeckte sie auch durch ihr Fensterlein das rothe Gesicht eines Handwerksburschen, der sie bittend anschaute, da reichte sie ihm eine Gabe; oder ein Vogel hüpfte auf dem Fenstersims, dem streute sie Krümlein hin. Aber auch die Vögel im Garten wurden gefüttert; ein Stückchen Brod war ja immer übrig vom Frühstück und auch vom Mittag, und jedesmal wenn sie hinaus kam, rief Benjamin einen »guten Tag« aus dem Schiebfensterchen, oder sonst ein gutes fröhliches Wort.
Seit zwei Tagen aber hatte sich das Schiebfensterchen nicht geöffnet, und die Eisblumen regten und rührten sich nicht. Gretchen sagte es der Mutter, es wurde Rath gehalten; Benjamin war jedenfalls krank, man mußte sich nach ihm erkundigen. – Der Verkehr mit dem Nachbarhause war leider diesen Winter sehr eingeschlafen; Frau Bendler empfand es schmerzlich, daß Fritz Buchstein sich ihrem Gretchen gar nicht nähern wollte. Ihr Zartgefühl erlaubte es nicht, von ihrer Seite nur die leiseste Andeutung zu geben; aus dieser Aengstlichkeit erfolgte dann fast das Gegentheil. Der alte Buchstein, der sonst so eifrig die Freundschaft betrieben, war jetzt verlegen. Fritz wich seinen Aufforderungen aus, und sehr zureden wollte er dem Jungen nicht, und wußte nur nicht, was zur Frau Nachbarin sagen, mit der er früher die Sache in allen Einzelheiten besprochen hatte. – Heute aber war von all' den Rücksichten nicht die Rede, Benjamin mußte gepflegt werden und Gretchen sich auf den Weg zu ihm machen. Sie that es so gern, und doch hatte sie Scheu zu gehen, denn ihr Weg führte durch die Werkstatt. Während dem sie eine warme Suppe kochte, schaute sie wohl zehnmal auf die Straße, ob sie nicht Jemand vom Nachbarhause sähe; und wirklich es glückte, die alte Magd kam daher und Gretchen konnte ihre Erkundigungen einziehen.