‚O, mein gnädiger Herr!‘ entgegnete er, ‚was würde das Klagen mir nützen?‘

Und auch darauf mußte ich schweigen ...

Heimkehrend fand ich das Haus zum Empfang meiner Geliebten geschmückt, und alle, die um meine Gunst buhlten, waren versammelt, um ihr zu huldigen. Sie erschien in ihrer königlichen Schönheit, und ihr Anblick und der Anblick der Pracht, die mich umgab, und der kriechenden Dienstfertigkeit meines Anhangs – Grauen, meine Brüder! Grauen erweckten sie mir ... Ein Dämon, meint ich, habe tückisch mein Auge zu furchtbarem Hellsehen geschärft ... All der Glanz, alle die Pracht und Herrlichkeit und die Liebe des Weibes und die Treue der Freunde – sie hatten einen Preis, und bezahlt hatte ihn das Elend. Die hatten ihn bezahlt, die zum Frondienst vermietet hingezogen waren in die Fremde.. Das Gewühl vor mir, die Wände des Saales wurden durchsichtig. Wie durch schimmernde Schleier sah ich eine wandernde Schar, deutlich jede Linien der Gestalten, jeden Zug der Gesichter, die mein Auge an jenem Morgen nur flüchtig gestreift hatte. Ergebung auf allen! Nicht schöne, männliche – nein! die trost- und hoffnungslose Ergebung des Stumpfsinns. Was jenes Opfer der ungerechten Vergeltung, die mein Diener übte, gesprochen hatte, das sprachen auch sie in ihrem Schweigen. ‚Was würden Klagen uns nützen?‘

Brüder! in dieser Stunde habe ich meiner Macht geflucht und mein Glück gerichtet ... Meine Macht war zum Unheil andrer ausgeübt worden, mein Glück wuchs nicht wie eine Blume aus dem gesunden Mutterschoß der Erde, es war ein Wuchergebilde, ihrer Krankheit Frucht, und nährte sich parasitisch von kostbaren Lebenssäften.“

Der Redner bog den Kopf zurück; seine Lider schlossen sich, einem Gepeinigten gleich zog er den Atem ein.

„Da ergoß sich in meine Brust ein Strom der Schmerzen ... Die Schmerzen jedes einzelnen, der um meinetwillen gelitten hatte, ergossen sich in meine Brust!... Und jede Schuld und jedes Unrecht, das die begangen hatten, die mir dienten, als meine Schuld empfand ich sie und vernahm schaudernd, wie ihr Schrei gegen mich zum Himmel stieg.

Die Luft im Saale lastete wie Blei, aus den Augen meiner Geliebten blickte die Sünde, die Töne der Musik girrten sinnverwirrende Melodien, und – fort trieb es mich, hinweg von dem durchschauten Trug in die kühle, klare Nacht. Ich wanderte unter ihren schimmernden Sternen, soweit meine Füße mich trugen, und wie auch mein Herz blutete und rang, mir war, als lebte ich auf. In der herben Qual, die ich litt, fühlte ich die Hand meines Herrn, verstand die Mahnung, deren er mich gewürdigt hatte. Und während sie mich suchten im Schlosse und in den Gärten, lag ich im Waldesgrund auf dem Angesicht vor meinem Gott und flehte um Kraft zur Buße und Sühne, und bot mich ihm dar zum Werkzeug seines Willens, zum Verkünder seiner Lehre, und flehte den Urquell des Lichtes um Erleuchtung auf meinem Wege an.

Sie wurde mir. Wie das Auge des Blindgeborenen, als der Finger des Heilands es berührte, sich der alten, vertrauten und ihm doch unbekannten Welt erschloß, so erschloß sich meine Erkenntnis der Offenbarung, in deren Licht ich gewandelt war von Jugend an – ein Blinder. Und je tiefer ich in den Geist des göttlichen Wortes eindrang, desto klarer wird es mir: Inbegriff seiner Weisheit ist die Liebe. Für uns Menschen – die Nächstenliebe!“

Die hochgehenden Wogen der Begeisterung, mit der der Sendbote empfangen worden, waren allmählich verebbt. Ein Gemurmel der Mißbilligung, in das sich nur vereinzelt warme Zurufe mischten, erhob sich jetzt. Aus der Gruppe, die den Fürsten umdrängte, scholl rauh die Mahnung:

„Laß den Pfarrer von Nächstenliebe sprechen, sprich du von der Befreiung des Vaterlands!“