„Steh!“ befahl Nathanael, legte beide Hände auf seine Schultern und blickte ernst in sein Angesicht, das sich zu ihm emporwandte wie zu einem Gott.
„Du hast eine harte Jugend gehabt, mein Joseph.“
„Ich? – Was sagst du, Herr? – Warst du nicht immer wie ein Vater gegen mich?“
„Nein, nein, mein Junge, wirklich nicht. Aber du bist gegen mich immer wie ein Sohn gewesen,“ antwortete der Doktor und setzte die für Joseph unverständlichen Worte hinzu: „Gäb es viele deinesgleichen, dann wäre der himmlische Sendbote – kein Tor.“
Von nun an hatte Joseph glückliche Tage, und noch viel glücklicher wären sie gewesen, wenn die große Veränderung, die mit seinem Herrn vorgegangen war, ihn nicht bekümmert hätte. Sie fiel jedem auf und erregte das Befremden aller Freunde des Doktors. Er, der emsige Sparer, wurde oft von großmütigen Regungen ergriffen. Er, für den der Bettler und der Dieb bisher in eine Kategorie gehört hatten, begann zwischen ihnen einen großen Unterschied zu entdecken. Er, auf den bisher die Reichen und der Reichtum eine starke Anziehungskraft ausgeübt, betrat nur noch gerufen die Schlösser, ungerufen aber die Hütten der Armen. Die Unruhe, die ihn umhergejagt hatte, war verschwunden. Mit stillem, hartnäckigem Eifer ging er seinem Beruf nach. Als die Revolution ausbrach und ihre ersten blutigen Opfer forderte, verstand er es, immer da zu sein, wo man seiner am meisten bedurfte. Nie, auch nicht in den schlimmsten Tagen, verließ ihn die kaltblütige Zuversicht: von der Revolution ist nichts zu fürchten.
Andrer Ansicht war der Kreishauptmann.
Alle Mutigen wandten sich schon der Überzeugung zu, der Aufstand müsse in kurzem beendet sein, als er noch davon sprach, die Provinz sei verloren, wenn nicht in höchster Eile eine Armee einrücke, die tausendköpfige Hyder der „verwüstenden Insurrektion“ zu bekämpfen. Er meinte, Rosenzweig habe den Verstand verloren, als er eines Tages erwiderte:
„Die Insurrektion ist keine tausendköpfige Hyder, sondern ein hilfloses Kind. Mit Blumen in den Händen kommt es heran, mit einem Herzen voll Liebe, und mit Worten der Erlösung auf den Lippen. So kommt es zu uns. Aber wir sind Wölfe, Bären, Tiger, aber wir sind reißende Bestien. Wir verstehen die Sprache dieses Kindes nicht. Es predigt Erbarmen, Gerechtigkeit und Güte, und wir wollen von alledem nichts wissen, wir wollen mit niemand Erbarmen haben, als mit uns selbst, wir wollen bleiben, was wir sind, behalten, was wir haben, womöglich noch andern etwas wegnehmen, um uns zu bereichern. Und so wird es immer sein, und ein Narr, der daran zweifelt! Und wir, reißende Tiere, wir werden das Kind zerfleischen und fressen, und uns zufrieden schlafen legen nach dieser Heldentat.“
„Phantasterei! Das ist ja pure Phantasterei!“ rief der Beamte voll Bestürzung aus. „Was ist mit Ihnen vorgegangen! Welcher Teufel hat Ihre gesunden Sinne verwirrt?“
„Wissen Sie,“ nahm er nach kurzem Schweigen wieder das Wort, „daß mir berichtet wurde, Sie hätten einer Zusammenkunft beigewohnt, in der der gefährlichste Kommunistenführer eine seiner berüchtigten Ansprachen hielt? Wissen Sie, daß schlechte Spötter behaupten, seine Beredsamkeit habe Sie zum Schwärmer gemacht?“