„Und leichtsinnig,“ setzte sie hinzu, in nur allzu überzeugtem Tone. „Wir Frauen haben einmal im Leben nichts als die Liebe, und wenn wir mit der unsern nicht an den Rechten gekommen sind, dann heißt es eben – tröste Dich, wie du kannst!... Man sucht, man findet ... das wohlbekannte Surrogat: Zerstreuung – ohne Liebe ... Sie aber“ – der wehmütige Ausdruck, den ihre Züge angenommen hatten, verwandelte sich in einen übermütig schalkhaften – „Sie werden Liebe haben – ohne Zerstreuung.“
Ich verstand sie nicht gleich und brachte ein albernes „Wieso?“ vor, dessen ich mich zur Stunde noch schäme.
Der Donner grollte, einige Regentropfen fielen, sie achtete ihrer nicht, schalt mich einen Geheimniskrämer, den sie jedoch durchschaue, und gratulierte mir zu meiner bevorstehenden Heirat. Als echter Deutscher (ihr bin ich ein Deutscher) hätte ich klug und praktisch gewählt. – Das Erbfräulein ist hübsch, wohlerzogen, hat einen vortrefflichen Charakter. „Kann man mehr verlangen?“ fragte sie. „Sie treffen es gut – beinahe so gut wie – Ihre Braut. Und somit gebe ich Ihnen meinen Segen.“
Sie erhob sich rasch und streifte meine Stirn mit flüchtigem Kusse. Ich wollte sie an mich ziehen, doch entwand sie sich mir und sprach: „O nein ... Aus, aus!... Ob die Liebe gar nicht kommt, ob zur unrechten Zeit, ist eins und dasselbe ... wir sind geschiedene Leute. – Wenn unsre Wege sich nicht mehr kreuzen sollten, Sie nur noch von mir hören, und nicht immer das Beste, dann gesellen Sie sich nicht zu denen, die einen Stein auf mich werfen. Sie haben kein Recht dazu,“ schloß sie sanft.
Ich war ergriffen und gerührt. Es ist nicht heiter, wenn jemand, mit dem wir glaubten, längst abgerechnet zu haben, vor uns hintritt und uns beweist, daß wir tief in seiner Schuld stehen.
Etwas dergleichen sagte ich auch, ohne damit einen besonderen Eindruck zu machen.
Die schwarzen Wolken am Himmel platzten und sandten einen Guß nieder wie aus hunderttausend Traufen. Irina, leicht aufatmend, bot dem strömenden Regen ihr unbedecktes Haupt und schlug ohne die geringste Eile den Heimweg ein.
Zur Albernheit verurteilt an diesem Nachmittag, wußte ich nichts andres zu sagen als: „Ihr schönes Kleid wird ganz verdorben.“
„Durch Ihre Schuld!“ erwiderte sie mit scherzender Anklage. „Warum mahnten Sie nicht früher zum Aufbruch ... Jetzt haben Sie auch mein Kleid auf dem Gewissen.“
Triefend kamen wir nach Hause. Irina ging, sich umkleiden zu lassen, und betrat eine halbe Stunde später im Reiseanzug den Salon. Die Tante beschwor sie zu bleiben, wenigstens morgen noch, vergeblich, sie ließ sich nicht erbitten.