Wir begleiteten sie zur Bahn, im offenen Wagen. Das Gewitter hatte sich völlig verzogen, der Sommerabend war mild und hell, ein kräftiger Erdgeruch wallte aus den feuchten Feldern und Wiesen zu uns herauf. Ich saß Irina gegenüber; sie lächelte mir zu und machte sich lustig über die Melancholie, in die mich, wie sie behauptete, ihre Abreise versetzte.
Auf der Station warteten einige Bauern, der Zug war schon signalisiert; Irinas Leute hatten kaum Zeit, die Bagage aufzugeben und Billetts zu lösen, da brauste er heran.
Aus dem Fenster eines Coupés erster Klasse beugte sich ein junger Mensch weit heraus, ein langer, hübscher, blasser Bursche, mit keimendem Schnurr- und Backenbärtchen. Als er Irina erblickte, stieg eine dunkle Röte ihm in die Wangen, die aufrichtigste Seligkeit funkelte aus seinen unverwandt auf sie gerichteten Augen. Hastig winkte er den Schaffner herbei.
„Ach, mein Neffe Wladimir, welcher Zufall!“ sagte Irina mit förmlich herausfordernder Unbefangenheit und nahm Abschied. Ich führte sie zum Waggon, dessen Tür bereits offen stand. Der Jüngling hatte das Handgepäck, das der Kammerdiener hineinreichte, in Empfang genommen, stand da und hielt selbstvergessen die Reisetasche Irinas mit leidenschaftlicher Innigkeit an seine Brust gepreßt. Ich half der schönen Frau einsteigen. Der Duft frischer Blumen strömte uns aus dem Wagen entgegen; in den Netzen hingen, auf den Sitzen lagen die schönsten Teerosensträuße. – Ich hörte Irina noch sagen: „Quelle folie!“ Dann flog die Tür zu, die Lokomotive pfiff und pustete, die Räder setzten sich in Bewegung, ein letzter Gruß, ein Taschentuch, das man flattern sieht an einem Fenster und – alles vorüber.
Die Tante und ich fuhren nach Hause. Sie war außerordentlich aufgeräumt. Durch alle ihre Kosmetikes hindurch schimmerte der Glanz stiller Heiterkeit. In einem alten Renner, vor dessen Augen ein andres Pferd durchgeht, mögen sich ähnliche Erinnerungen regen, wie die ihren waren in diesem Augenblicke.
Ganz gegen ihre Gewohnheit, denn sie gehört zu den harmlosesten Geschöpfen, die ich kenne, bemerkte sie nach einer kleinen Pause, während der wir uns unsren Betrachtungen überlassen hatten:
„Früher waren es Cousins, jetzt sind es Neffen. Ich weiß nicht, ob das ein Fortschritt oder ein Rückschritt ist.“
„Mais“, setzte sie seufzend hinzu, und ihre Stirn würde sich in nachdenkliche Falten gelegt haben, wenn die Crême de Lys à la Ninon eine solche Hautgymnastik erlaubt hätte – „mais je comprends ça!“
Dein Edmund.