Graf Edmund N. an Professor Erhard.
Les Ormeaux, den 25. Juni 1875.
Lieber verehrter Freund!
Bereite Dich auf eine Überraschung vor. Unsre Pläne sind umgestoßen. Ich schrieb Dir gestern in verdrießlicher Laune. Dank der Nachlässigkeit meines Dieners blieb der Brief liegen. Heute zerreiße ich ihn, schreibe einen neuen und hoffe, wenn diese Zeilen in Deine Hände kommen, bin ich ganz versöhnt mit meinem Lose und habe eingesehen, „daß alles Segen war.“
Was sich begeben hat, ist folgendes:
Neulich am Abend waren wir alle auf dem Balkon. Eine Dame aus der Nachbarschaft, die sich für eine Naturfreundin hält, hatte uns dahin beordert, um den Aufgang des Mondes zu bewundern. Sie quittierte die Oh und Ah, die ausgestoßen wurden, und machte die Honneurs des schönen Schauspiels, als ob sie es erfunden hätte. Es verdroß sie, daß Madeleine sich schweigend verhielt. – „Die jetzige Jugend lobt nichts,“ meinte sie, „nicht einmal den lieben Gott in seinen Werken. Ein Anblick wie dieser läßt Euch kühl. Nicht wahr, liebe Kleine?“
Die „Kleine“, von der die dicke Naturschwärmerin um einen halben Kopf überragt wird, sah zu ihr nieder und erwiderte rasch und lebhaft: „Sie tun mir unrecht, niemand schätzt den Mond mehr als ich, diesen liebenswürdigen Alten, dessen Glanz schon längst erloschen ist, der sich aber in Ermangelung eigenen Lichtes zum Spiegel fremden Lichtes macht und uns so hold die Nacht erhellt. Ich will mir sogar ein Beispiel an ihm nehmen und bei fremdem Glücke borgen, was man so braucht, um den Schein der Heiterkeit zu haben und zu verbreiten.“
„Welche Resignation!“ rief ich aus.
„Eine sehr bedingte, wohl gemerkt,“ erwiderte sie. „Mit dem Scheine begnügt ein braves Herz sich erst, wenn das Wesen ihm unerreichbar bleibt ... Ja, wenn die Wahl frei stände ...“ sie hielt inne. Es war wieder das Aufblitzen in ihrem Gesichte, das Leuchten der Augen, das übermütig schalkhafte Lächeln. –
Plötzlich warf sie einen Blick voll Entschlossenheit auf eine junge Frau hinüber, die ich längst im Verdachte hatte, die Vertraute aller ihrer Mädchengeheimnisse zu sein, und fuhr fort: „Zum Beispiel Sie, meine Damen, wenn Sie sich statt dieses Anblicks,“ den Arm ausstreckend, deutete sie nach dem Horizont, „den eines Sonnenaufganges gönnen wollten, was so leicht geschehen kann, und – ich wette, noch nicht geschehen ist.“