Wien, den 12. August 1875.
Mein verehrter Freund!
Dir schreiben, was ich vorhabe, fällt mir schwer. Es wird Dich empören, es wird Dir weh tun. Wenn Dich dieser Brief findet, mitten in einer fesselnden Arbeit, dann lege ihn weg und lies ihn erst am Abend, vor dem Einschlafen. Das ist der rechte Moment. Da bist Du in der unendlich wohlwollenden und versöhnlichen Stimmung, die jeden guten Menschen ergreift, wenn er sich, zufrieden mit seinem Tagewerk, auf das Lager streckt und die angenehme Müdigkeit seiner Glieder, die köstlichste Abgespanntheit seiner Nerven ihm eine vortreffliche Nacht verheißen ... Dann nimm dieses Blatt zur Hand. So sanft wie die Traumseligkeit, die Dich umfängt, wird Dein Urteil sein; Du wirst denken: Sieh doch, seinem Verhängnis entgeht keiner ... Ei, ei! – Nun, Gott mit ihm. Nach Nowidworo denn ...
Ja, nach Nowidworo, das ist das Ende vom Liede.
Ich will hintreten vor meinen alten Hans und will ihm sagen: Alles war vergeblich, die Flucht, die Trennung, der lange Kampf. Ich komme wieder als derselbe, der ich gegangen, nur daß ich erprobt habe, daß meine Liebe unüberwindlich ist. Habe ich nicht getan, was ich konnte? Habe ich nicht sogar heiraten wollen? Danke ich's nicht ganz allein der Seelengröße Madeleines, daß der lügenhafte Bund nicht geschlossen wurde?
Mache mit mir, was Du willst, wirf mich hinaus, schieß mich tot, ich verlange nur Eins: bevor Du es tust, frage Deine Frau, ob ihr damit ein Gefallen geschieht ... Man muß doch auch an sie denken. – Haben wir einmal Phantasie, stellen wir uns vor, daß ich um ein Jahr früher nach Fiume gekommen wäre, sie kennen gelernt und heimgeführt hätte ... Verzeih, verzeih, lieber Hans! Du bist ein Engel, und ich bin nur ein gewöhnlicher Sterblicher – aber Elsbeth wäre vielleicht mit mir glücklicher geworden als mit Dir ... Nicht wegen des geringeren Unterschieds im Alter, – was sind die Jahre! Im Gemüte wirst Du immer ein Jüngling bleiben. Wie oft kam ich mir, mit Dir verglichen, wie ein Greis vor.
Aber Du kennst die Frauen nicht, hast Dich nie mit ihnen befaßt, Du bist mit der Deinen wie der beste Vater ... Ich, mein teurer, treuer Hans, ich würde wahrscheinlich trotz aller Anbetung weniger zart mit ihr umgehen als Du, ich würde sie mit Eifersucht quälen, aber es gäbe nichts, was mich je von dem Gedanken an sie ablenken könnte. Immer hätte ich in ihrer Gegenwart die Empfindung eines reicheren, erhöhten Lebens, immer sie in der meinen das Bewußtsein, eines andern Menschen köstlichstes Gut, sein Um und Auf, sein Schicksal zu sein.
Ich würde sie nicht tage- und wochenlang allein lassen, und nachmittags, wenn ich noch so müde aus der Wirtschaft nach Hause gekommen wäre, würde ich nicht einschlafen ... und wenn ich mit ihr im Walde spazieren ginge, würde ich noch Sinn für andres haben, als für die Anzahl Raummeter, die der Holzschlag ergeben wird, und für den wahrscheinlichen Ertrag der Eichelmast.
Hans, mein väterlicher Freund, werfen wir einmal alles über Bord: Vorurteil, die sogenannten Gesetze der Ehre, und fragen wir uns, ob Du Dich nicht ebenso zufrieden fühlen würdest wie jetzt, wenn Du ... nun, das ist wirklich schwer auszusprechen ... wenn – sagen wir, Elsbeth und ich Deine Kinder wären, Deine dankbaren, in Dir den Schöpfer ihres Glückes verehrenden Kinder ...
Lieber Hans, was ist die Aufgabe des Menschenfreundes? Nach den schwachen Kräften, die ihm als einzelnen gegeben sind, die Summe des auf Erden vorhandenen Leids zu vermindern, die des Glückes zu erhöhen. – Mathematisch, um mit Dir zu sprechen: Ich besitze etwas, das mir Freude macht = 6; doch kenne ich einen, dem dieses selbe etwas Freude machen würde = 100.000. – Was tue ich, der Menschenfreund? Ich schenke ihm den bewußten Gegenstand und erhöhe damit die Summe der Weltfreude um 99.994!