Auf Wiedersehen, Freund und Mentor! Schalte und walte in meinem Hause, wie's Dir gefällt. Auch wenn ich nur durch eine Allee von Mumien in mein Zimmer gelangen kann – mir ist alles recht und eines gewiß: Vorläufig interessiere ich mich für keine Frau mehr, die nicht tot ist seit mindestens dreitausend Jahren.
„Galgenhumor,“ denkst Du und irrst; es ist der ehrliche, sehr harmlose, der einem etwas verwundeten Herzen entströmt. Aber die Wunde schließt sich schon, bald gibt es ehrenvolle Narben.
Erwarte mich ohne Bangen, ich bin geheilt.
Dein Edmund.
Der Vorzugsschüler.
Mutter und Sohn saßen einander gegenüber am Tische, der als Arbeits- und Speisetisch diente, und dessen eine Hälfte schon für die Abendmahlzeit gedeckt war. Eine Petroleumlampe mit grünem Schirm beleuchtete hell die Schulbücher, die der Knabe vor sich aufgeschichtet hatte, und die ungemein geschont aussahen nach einer mehr als halbjährigen Benutzung. Es war Ende März, und in wenigen Monaten mußte Georg Pfanner aus der dritten Klasse, wie aus jeder früheren Vorbereitungs- und Gymnasialklasse, als Vorzugsschüler hervorgegangen sein. Mußte! Wohl und Weh des Hauses hing davon ab, der – wenigstens relative – Frieden seiner Mutter, der Schlaf ihrer Nächte ... Wenn dem Vater schien, daß „sein Bub“ im Fleiß nachlasse, wurde sie zur Verantwortung gezogen. Das wirkte viel stärker auf den Jungen, als die strengste Ermahnung und Strafe getan hätte. Für seine Mutter empfand er eine anbetende Liebe und war das ein und alles der freudlosen, vor der Zeit gealterten Frau. Die beiden gehörten zueinander, verstanden einander wortlos, sie hatten, ohne es sich selbst zu gestehen, ein Schutz- und Trutzbündnis gegen einen Dritten geschlossen, dem sie im stillen immer Unrecht gaben, auch wenn er recht hatte, weil sie sich im Grund ihrer Seele in steter Empörung gegen ihn befanden. Frau Agnes würde erstaunt und wahrscheinlich entrüstet gewesen sein, wenn man ihr gesagt hätte, daß ihre Empfindung für ihren Mann längst nichts mehr war als eine Mischung von Furcht und von Mitleid. Georg würde eher die ganze Schule zum Kampf herausgefordert, als geduldet haben, daß ein unehrerbietiges Wort über seinen Vater gesprochen werde. Aber weder der Mutter noch dem Sohne wurde es wohl in seiner Nähe. Seine Anwesenheit bedrückte, löschte jede heitere Regung im ersten Aufflackern aus. Und doch war der einzige Lebenszweck dieses Mannes die Sorge um das Wohl seines Kindes in Gegenwart und Zukunft.
Frau Agnes ließ ihre Arbeit in den Schoß sinken und blickte nach der Schwarzwälderuhr, die an der Wand neben dem Kleiderschrank ihr blechernes Pendel schwang. So spät schon, und der Mann kam noch immer nicht aus dem Bureau. Sie lasteten ihm dort so unbarmherzig viel Arbeit auf, und er besorgte sie widerspruchslos und nahm noch Arbeit mit nach Hause, um die Vorgesetzten nur gewiß zufrieden zu stellen und beim nächsten Avancement berücksichtigt zu werden.
Ja, der Mann plagte sich, und es war sehr begreiflich, daß er übermüdet und mürrisch heimkehrte. Und der Junge, der liebe, geliebte Junge, plagte sich auch. Heute ganz besonders. Dunkelrot brannten seine Wangen, und sogar die Kopfhaut war gerötet, und die Stirn zog sich kraus. In Hemdärmeln saß er da, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, preßte das Kinn auf seine geballten Hände und starrte ratlos zu seinem Hefte nieder. Dreimal schon hatte er die Rechenaufgabe gemacht und jedesmal ein andres Resultat erhalten, und keines, das sah er wohl, konnte das richtige sein.