»Nein, nein! ich lasse mir die Freud’ an meinem Vogelweid nicht verderben. Sie sagen immer wegwerfend: das Zeug. Wie viele würden ihrem Gott danken, wenn sie solches ‘Zeug’ schreiben könnten.«
»Das gewiß. Es trägt ja viel mehr Geld ein, als das Herstellen guter, gediegener Kost. Und – Geld! ‘Am Gelde hängt, nach Gelde drängt’ &c. ist heute noch wahr, und bleibt es vielleicht noch ein Weilchen, bis uns die Sozialisten von dem elenden Tauschmittel befreien. Seien Sie ganz aufrichtig mit mir, gnädige Frau,« begann er nach einer kleinen Weile von Neuem. »Oder seien Sie
es auch nicht – mit Worten, ich weiß doch was Sie denken, ich sehe Sie denken. Der Neid spricht aus dir, denken Sie, Sie irren. Der litterarische Bajazzo, den Sie in Schutz nehmen, und den ich angreife, der alte, verbitterte, müde Vogelweid flößt mir nicht den geringsten Neid ein, dazu kenne ich ihn zu gut, bin zu genau eingeweiht in die Geheimnisse seiner armseligen Journalistenexistenz. Ich bin ja selbst dieser Vogelweid. Habe die Ehre, mich noch einmal vorzustellen: Bertram Vogel, genannt Vogelweid.«
Es entstand eine kleine Verlegenheitspause.
»Sie glauben mir nicht?« fragte Bertram.
Doch! ja, sie glaubten ihm. Sie besannen sich jetzt, Porträts von ihm in illustrirten Blättern gesehen zu haben. Nicht sehr ähnlich, allerdings. Das entschuldigte, so hofften sie wenigstens. Der Retter nannte sich:
»Gerhart Neuhaus.«
»Graf Neuhaus,« rief Bertram und lüftete freudig den Hut, »ein Nachbar meines Gönners und Jugendfreundes, Hugo von Weißenberg? Es ist mir eine ganz besondere Ehre.«
»Uns auch,« sagten der Graf und die Gräfin, und man schüttelte einander die Hände. »Wir haben nicht nur viel von Ihnen gelesen, wir haben auch viel von Ihnen gehört,« setzte die junge Frau hinzu. »Sie sind doch auf dem Wege nach Obositz, bringen Ihre Ferien bei Weißenbergs zu, nicht wahr? Man kann Ihre Ankunft kaum mehr erwarten, wird Sie ganz anschließend in Beschlag nehmen. ‘Vogelweid will Niemanden sehen, er ist ein bißchen menschenscheu,’ reden Sie uns immer zu Gehör. Nun, daß Sie nervös sind, gebe ich zu, aber menschenscheu? davon haben wir nichts bemerkt.«
»Sie freilich nicht, meine Herrschaften, ich habe mich Ihnen an den Kopf geworfen und krame mein Innerstes vor Ihnen aus mit barbarenmäßiger Aufdringlichkeit. Stimmung! alles Stimmung! Ich bin ein Sklave meiner Stimmung! Das ist die Folge des unglückseligen Sichüberarbeitens. Arbeit ist der beste Inhalt unseres Lebens, Weisheit, Tugend, Gesundheit, Glück! Sich überarbeiten ist Fluch, ist der Tod aller unserer Fähigkeiten, nicht der geistigen allein, auch der moralischen. Man