Das Töchterchen hatte die Arme um die Taille
ihrer Mutter geschlungen und fragte im Tone eines fünfjährigen Kindes: »Mama, darf ich Schifferl fahren?«
»Nicht unmittelbar nach dem Essen, mein Herzchen. Begleite jetzt den guten Papa und sieh zu, wie die Hündchen speisen. Dann kannst du Gertrud holen. Ich lasse ihr sagen, daß sie mit dir zum Fischerhause gehen und achtgeben soll, daß du nicht ins Wasser fällst. Du wirst ihr meinen Auftrag bestellen, ich weiß, mein Herzchen ist gewissenhaft.«
Mutter und Tochter umarmten einander, nahmen Abschied, als ob ihnen eine jahrelange Trennung bevorstände, und das Herzchen trampelte dem Vater nach.
Hagen hatte sein Mißfallen über die sentimentale Scene zwischen Mutter und Tochter in gewohnter Art durch ein mürrisches Gemurmel kund gegeben: »Kriegt man heute Kaffee oder nicht?« stieß er jetzt verdrießlich hervor.
Seine Mutter beeilte sich, ihm eine Tasse starken, aromatischen Mokkas einzuschänken, und er titulirte das köstliche Getränk, das reichlich aus
der Kanne floß, mit dem beleidigenden Namen »Zwetschkenwasser.« Dann zog er sich mit seinen Vorräthen an Kaffee, Liqueur und Cigarren in die Ecke des Zimmers zurück, nahm dort Platz in einem großen Fauteuil und vertiefte sich in einen Band der Fliegenden Blätter. Sein Gemurmel hörte auch jetzt noch nicht auf: »Fliegende, sauberes Fliegen, sollten die kriechenden heißen. So dumm, zu dumm!« Plötzlich schwieg er, die Cigarre war ausgegangen, das Buch glitt von seinen Knieen zur Erde. Er schlief.
Seine Mutter hatte ihn voll Besorgniß beobachtet. Dieses »foudroyante Einschlafen,« wie sie sich ausdrückte, machte ihr unbeschreiblich bange. Es kam öfters über ihn, am Tage heißt das; bei Nacht hingegen, »floh der Schlaf seine Augen.« »O, es ist schwer!« Die Baronin seufzte, und das Kanapée, auf das sie sich setzte, seufzte auch.
Draußen erscholl lautes Hundegebell; die Thiere wurden nach der Abfütterung in den Garten hinaus gelassen. Bewegt und leise sprach die Baronin: »Mein guter Mann kommt zurück, und ich hätte Ihnen so gern ... ich muß Sie sprechen.«
Ihre mächtige Persönlichkeit bekam etwas gretchenhaft Hinschmelzendes: »Ich muß Sie sprechen, lieber Vogelweid, im Vertrauen sprechen.«