eine Goldfeder von Morton in New-York und schrieb mit silbernen Lettern einen Hochzeitscarmen.

X.

Am nächsten Morgen war Bertram fast so früh auf wie die Sonne und mit dem Ankleiden fertig, als Simon kam, um ihm dabei behülflich zu sein.

»Sind schon lange wach, Herr Doktor, haben vielleicht nicht schlafen können?« fragte der Alte und warf suchende Blicke umher, die den leicht gereizten Bertram sofort ungeduldig machten.

»Sie suchen umsonst,« sagte er. »Das Gedicht liegt weder da noch da, noch dort,« – er deutete auf das Bett, den Nachttisch und die Badewanne. – »Das Gedicht ist noch nicht gemacht. Sie müssen die Güte haben, zu warten, bis ich nach Hause komme. Jetzt reit’ ich fort.«

Simon erwiderte zugleich beschwichtigend und ermunternd: Eine ganze halbe Stunde habe der Herr Doktor vor sich und müsse doch frühstücken;

aufgetragen sei schon. Wirklich hatte ein Diener den Tisch im Wohnzimmer gedeckt und mit so guten Sachen besetzt, daß ihr bloßer Anblick jeden gesunden Menschen erheitert hätte. Aber einer, der zum Dichten gepreßt wird, den erheitert nichts, dem gefällt und schmeckt nichts. Bertram trank eine Tasse vorzüglichen Thees und gedachte dabei recht mit Fleiß all des Bösen, das »V. Vischer« diesem edlen Getränk nachgesagt hat. Es rächte sich, wie’s dem Edlen geziemt, es erfüllte seinen Ankläger mit wohligem Behagen, klärte ihm den verträumten Geist und erweckte ihm die erlösende Erinnerung an eine, ihrerzeit vielgerühmte Elegie auf den Tod eines Professors, die er als Student gemacht hatte. Sie ließ sich für die jetzige Gelegenheit adaptiren. Der Enthusiasmus, mit dem darin die Beliebtheit, die Tugend und das Eheglück des Professors besungen wurden, sollte nun den silbernen Hochzeitern zu Ehren noch einmal verwerthet werden. Man brauchte nur jedes »deine« in ein »eure,« jedes »du warst« in ein »ihr seid« zu verwandeln, den Kindersegen bedeutend zu vermindern und das ganze Opus aus der wehmüthigen

Moll- in eine freudige Cis-Durtonart zu transponiren. Bertram wollte eben an die Arbeit gehen, als ihm gemeldet wurde, die Pferde seien vorgeführt. Da nahm er seinen Hut und eilte so rasch hinab, als ob er gefürchtet hätte, daß sie wieder davon laufen könnten.

Der Freund trat mit ihm zugleich vors Haus. Er kam aus dem Garten, wo er seit einer Stunde schon Gebüsche ausgeschnitten und Gras geschoren hatte. Sein Diener brachte eine Reitpeitsche, an der längst der Smiß fehlte, ein paar große, uralte Handschuhe und Gamaschen, die aus der Haut eines vorsintfluthlichen Thieres gemacht schienen. An den Füßen trug der Baron ein paar starke, sehr abgenützte Schuhe, sein breiter Oberkörper war in einen kurzen, grünen Rock eingepreßt, und auf dem Kopfe saß ihm ein braunes, zerquetschtes Hütlein mit schmaler Krempe, unter dem rückwärts die Glatze hervorguckte.

Im Nu war er im Sattel; für Bertram hatte das Aufsteigen einige Schwierigkeit, und als die glücklich besiegt war und sein Pferd sich, ohne eine Aufforderung dazu abzuwarten, in Trab setzte, befiel