Er nahm eine Hand voll Ähren, zerrieb sie in den Händen, blies die Spreu hinweg, und hielt Bertram die schweren, goldgelben Körnlein hin: »Das ist eine Pracht.«

»Wenn ich nur davon etwas verstände! Ich verstehe aber nichts, ich sehe auch nichts, mit mir dreht sich alles im Kreise. Ich kann nicht mit dir fort, kann mich von Vogelhaus noch nicht trennen. Gehe du deinen Geschäften nach und laß mich da. Ich will arbeiten, mich physisch ermüden, meinen

Grund und Boden mit meinem Schweiße düngen. Sage diesen guten Leuten, einer von ihnen möge mir seine Sense überlassen. Sage ihnen, daß ich Mühe und Plage und auch ihr Mittagessen mit ihnen theilen werde, gegen Bezahlung natürlich.«

»Da kriegst du in Branntwein aufgeweichtes Brot und Hutzeln mit Gries gekocht. Und was die Bezahlung betrifft – bei Sacher ist’s billiger. Aber wie du willst.«

Er trat an die Schnitter heran und theilte ihnen, selbstverständlich in slavischer Sprache, mit, daß Herr Vogel, ihr Arbeitgeber, beabsichtige, beim Mähen mitzuhelfen. Einige lachten, die anderen trugen eine hochmüthige Theilnahmslosigkeit zur Schau. Ein einziger, ein alter, großer, schöner Mann nahm den Hut ab, und begrüßte Bertram mit einem deutschen: »Küß’ die Hand.«

»Ihr zwei könnt euch zur Noth verständigen,« sprach Weißenberg, ermahnte den Freund, ja nicht zu spät zum Souper zu kommen, und verabschiedete sich.

Bertram hatte den Rock abgelegt, die Sense ergriffen und war bald in voller Thätigkeit. Er

wollte den Leuten, die ihre Arbeit mit erstaunlicher Schläfrigkeit verrichteten, zeigen, wie ganz anders ein gebildeter Mensch die Sache angreift. Aber nur zu bald mußte er in seinem Eifer nachlassen und sah ein, in dem Tempo, das er angeschlagen hatte, könne es nicht lange weitergehen.

Seine Sense war stumpf geworden, er ersuchte in der Zeichensprache seinen Nebenmann um den Schleifstein, wetzte und wetzte, die Sense wollte nicht scharf werden. Schleifen konnte er nicht. Bisher hatten die Arbeiter ihn ganz unbeachtet gelassen, jetzt wurden sie alle auf einmal auf ihn aufmerksam und hatten ihre helle Freude an seiner Ungeschicklichkeit. Der Nachbar nahm Bertram endlich das Werkzeug aus der Hand, war mit dem Schärfen gleich fertig, streckte aber auch sofort die Rechte aus und sprach höflich: »Trinkgeld.« Dieses deutsche Wort schien ihm geläufig. Großes Gelächter erhob sich, Bertram stimmte ein und spendete dem Taglöhner für den geringen Dienst einen blanken Silbergulden. Der Beschenkte steckte ihn hastig in eine Tasche seines zerrissenen Rockes und zog aus der andern ein Fläschchen hervor. Es

war in ein schmutziges Tuch gewickelt und mit einer trüben, dicklichen Flüssigkeit gefüllt. Der Arbeiter entkorkte es und hielt es Bertram hin. Dem graute, aber um keinen Preis hätte er das kameradschaftliche Anerbieten zurückgewiesen. Er dachte an Neshdanow in Turgeniews Neuland und wollte stärker sein als der russische Held. Heroisch setzte er die Flasche an und that einen kräftigen Schluck. Es war gräßlich. Der Hals brannte, ein fast unüberwindlicher Ekel ergriff ihn. Er machte sich rasch wieder an die Arbeit und kehrte den Leuten den Rücken zu. Sie sollten sein Gesicht nicht sehen, oder vielmehr die Gesichter, die er unwillkürlich schnitt. Aber bald drohte die Müdigkeit ihn zu überwältigen, seine Arme schmerzten, in kleinen Bächen floß der Schweiß ihm über den Leib, und jetzt mußte er wieder an Tolstois Ljoisin denken und ärgerte sich, daß er sogar beim Taglöhnern nicht herauskam aus der Litteratur. Nur noch ehrenhalber führte er die Sense und nahm sich vor, das nächste Mal die Arbeit mit geringerem Feuereifer zu beginnen, um länger bei ihr aushalten zu können. Gemächlich