»So ist es und nicht anders.« Er war stolz auf die Brutusgefühle, die er an den Tag gelegt hatte, und wenn er einmal in der Toga steckte, kam er nicht so bald wieder heraus.

»Der Meisenmann ist bei ihm geblieben,« fuhr er fort. »Guter Kerl der Meisenmann.«

»So?« fragte Bertram – »der Fanatiker?«

»Weich wie Watte. Willst du ihn weinen sehen?«

»Trage gar kein Verlangen danach.«

»Nun, ich meine nur. Wenn du vielleicht wolltest, dann sprich ihm nur von seinem alten Vater. – Ein sehr guter Mensch, der Meisenmann!« (diese letzten Worte richtete der Baron direkt an Gertrud). »Und was seinen Fanatismus

betrifft – Naturerscheinung. Das kommt so über die Menschen, wie die Nonne über die Bäume und die Reblaus über die Weinstöcke. Der Weinstock ahnt auch nicht, daß die Reblaus ihn hat und aufspeist, er glaubt, er hat die Reblaus und soll sie verbreiten zum Wohl des Weinbergs. Und deshalb,« schloß Weißenberg mit scharfer Logik und warf einen nicht minder scharfen Blick auf seine Nichte, ist Meisenmann »ein grundguter Mensch, der auch eine gesicherte Zukunft hat und jede Frau glücklich machen würde. Und du,« wandte er sich an seine Tochter, die sofort vor Bestürzung in Atemnoth gerieth. »Was treibst du? ich muß mich wundern. Bin grad’ auf dem Gang deiner Dobka begegnet. Sie hat etwas Versiegeltes aufs Zimmer unseres Freundes getragen. Was war das? Sie wollte ich nicht fragen, um dich nicht vielleicht zu beschämen vor deinem Stubenmädchen; ich frage dich selbst. Hast du sie und was hast du geschickt?«

Sieglinde rang die Hände unterm Tisch, sie litt Qualen, und die treue Mutter litt mit ihr, und Gertrud sah die beiden theilnehmend und dann

Bertram an, und ihm schien, als spräche sich in ihrem Blick die Bitte aus: Kommen Sie ihnen zu Hülfe.

Da konnte er nicht widerstehen und sagte mit bittersüßem Lächeln: »Die Baronesse sammelt ohne Zweifel Autographen und hat mir ihr Album geschickt.«