»Gut wär’s, wenn ich’s könnte, aber ich kann nicht. Ich bin zu Ende mit meiner moralischen Kraft ... In drei Nächten kein Auge geschlossen. Heute die dritte Nacht, die schrecklichste von allen. Mein Sohn im Fieber, mein Mann im Feuer, ich
in Höllenqualen ... O Vogelweid, ich rufe Ihre Hülfe an. Schwören Sie mir, daß Sie mein Vertrauen nicht mißbrauchen werden.«
»Wozu schwören, was sich von selbst versteht?« erwiderte er; aber sie gab nicht nach.
»Ihre Hand darauf!« und sie reichte ihm ihre Rechte hin, ihre schöngeformte weiße Rechte, die er drückte und bewundern mußte, obwohl ihm graute und er sich vorkam wie ein Zolascher Held.
»Zuerst, was mich zum Theil wenigstens, entschuldigt,« sagte Bertha hastig und beklommen. »Ich habe Phantasie –«
»Seit wann?«
»Ich werde sie wohl immer gehabt haben, ich bemerkte es nur nicht. Ich bin jetzt so allein. Hagen ist auf dem Gymnasium, Lindchen lernt oder dichtet, die Poesie ist eine einsame Kunst. Meinen Mann sehe ich oft wochenlang nur bei den Mahlzeiten. Das giebt dem besten ehelichen Verhältniß einen gewissen Anstrich, ich möchte ihn einen prosaischen Anstrich nennen. Ich habe doch auch poetische Bedürfnisse.«
»Seit wann?«
»Da haben wir wieder die verfluchte Litteratur!« murmelte Bertram.