»Und wenn man viel liest und wenn man viel allein ist und wenn man Phantasie hat, träumt man und bildet sich allmählich ein Ideal, ein Urbild alles Schönen, alles Vollkommenen. – Man giebt diesem Urbild einen Namen und versetzt ihn in bestimmte Verhältnisse – und sich an seine Seite – und – was dann vorgeht, malt man sich aus –«
»Aha!« Die Brauen Bertrams zogen sich dräuend zusammen, und er kreuzte die Arme über der Brust.
Die Baronin zitterte: »O wie unerbittlich Sie aussehen, Vogelweid. Mitleid! Mitleid! Ich habe es zu Papier gebracht. Erbarmen Sie sich, ich habe einen Roman geschrieben.«
»Einen Roman haben Sie geschrieben?« Er athmete, er jubelte auf. Ihm war zu Muthe wie dem treuen Heinrich, als die Eisenringe, die ihn umpanzert hatten, sprangen. »Erlauben Sie mir, Ihnen die Hand zu küssen,« bat er und that es
stürmisch: »Sie Wunderbare! Nie hätte ich’s für möglich gehalten, daß ich in Entzücken gerathen könnte, weil eine Dame einen Roman geschrieben hat!«
Bertha lächelte wehmüthig und blieb beklommen. »Entweder überschätzen Sie meine Leistung, oder andere unterschätzen sie. (Als sie das sagte, dachte sie selbst: Ich spreche gut.) Mein Manuskript erfuhr manche Zurückweisung. Es gelangte zuerst an die Redaktion der ‘Neuen Freien Presse.’«
»Es gelangte – das heißt, daß Sie es hingeschickt haben.«
»Nun ja, mit einem sehr, sehr höflichen, ich darf sagen, einem demüthigen Brief.«
»Wehe!« sprach Bertram.
»Nach einiger Zeit kam meine Sendung zurück. Die Herren schrieben, daß sie für drei Jahre mit Romanen versorgt seien. Nun wandte ich mich an die ‘Alte Presse’, an die Tageblätter – dieselbe Antwort. Alle diese Zeitschriften haben Romanvorrath für drei Jahre. Ach! es wird doch viel geschrieben!«