Der Besuch der Nachbarn wurde von Weißenberg und seinem Gast am folgenden Nachmittag erwidert. Als ihr Wagen über die Grenze fuhr, begann der Freiherr Vergleiche zwischen Obositz und Luchov anzustellen, die alle zu Gunsten Luchovs ausfielen:
»Obwohl die Bevölkerung ärmer ist als bei uns, hat sie fast keine Steuerrückstände und hat ein hinreichend dotirtes Armenhaus und Spital und eine gut organisirte Feuerwehr und einen Veteranenverein, der nicht wie der unsere drei Viertel seiner Einnahmen auf Landpartien verjubelt. Das Beste von allem aber ist: Gerhart hat Einfluß auf die Leute, während meine Obositzer lieber zu Grunde gehen, als einen Rath von mir befolgen
würden. Und doch ist nie etwas geschehen, wodurch ihr Mißtrauen sich rechtfertigen ließe. Meine Eltern und Großeltern waren gute und hülfreiche Herren. Das Gut Luchov geht seit Generationen von einer Hand in die andere; warum ist gerade hier die Bevölkerung rechtschaffen, fleißig, nüchtern, warum erhält und entwickelt sich gerade hier die Kultur, während ringsum alles verwildert? Ja, warum? Wie kommt das Goldkorn in den Kies, in die Quarzgänge? Naturerscheinung, und die Kulturgeschichte ist Naturgeschichte.«
Am Ende des Dorfes bog ein breiter Weg, der zum Schloßgarten führte, von der Straße ab. Das Thor stand offen, und an einem der Pfeiler war eine Tafel mit einer böhmischen Inschrift angebracht.
»Schau,« nahm Weißenberg wieder das Wort. »Da steht: Hier wohnt der Vorsteher des Ortes Luchov. Gerhart ist zum Bürgermeister gewählt worden, nachdem er kaum einige Jahre hier zugebracht hatte. Einstimmig gewählt. Ich kann meine Wahl nicht durchsetzen, mich wollen sie nicht. Und sie könnten doch wissen, daß ich es ehrlich mit ihnen meine. Beweise dafür haben sie genug.«
Die zwei Kinder, die Bertram schon auf der Eisenbahn gesehen hatte, kamen mit offenen Armen auf Hugo zugelaufen, als er aus dem Wagen stieg: »Der Vater und die Mutter sind im Dorf, werden aber bald kommen,« sagte das Knäblein und schwenkte den breiten Strohhut vor Hugo, vor Bertram, vor dem Kutscher, begrüßte auch die Pferde, die er beim Namen anrief und erkundigte sich nach dem Befinden der Hunde in Obositz.
Indessen hatte Bertram einen Handschlag mit dem kleinen Mädchen gewechselt, das auf die Frage, ob es ihn noch kenne, antwortete: »O ja, du bist ein Vogel und ich,« sie warf sich in die Brust, »bin die Tochter des Bürgermeisters. Da kommt er schon und die Mutter auch.«
»Lauft ihnen entgegen, Kinder,« sagte Hugo. Aber der kleine Junge stellte sich der Schwester, die schon davonstürmen wollte, mit ausgespreizten Beinen in den Weg und redete eifrig mit einer wahren Richtermiene auf sie ein:
»Du darfst nicht, du weißt recht gut. Du siehst doch, daß der Vater mit dem Leschka spricht. Wir dürfen nicht zu ihm, wenn er mit einem
großen Menschen spricht,« wandte er sich erklärend an Weißenberg.