»Das nenn’ ich Kinderzucht,« meinte der. »Ja, ja, da könnt’ ich was lernen. Mein Junge war seinerzeit auch ein lieber Kerl. Weiß Gott, wie’s kommt, daß er sich so kurios herausgewachsen hat.«
Der Graf und die Gräfin wurden von einem bäuerlichen Ehepaar, einem stattlichen Greise und einem hochgewachsenen, spindeldürren Weibe, begleitet. In dem Mann erkannte Bertram einen der Bauern, die er gestern auf dem Wege nach Vogelhaus in Gesellschaft Meisenmanns getroffen hatte; die Frau war eine unheimliche Erscheinung, mit ihrem wie aus Citronenholz geschnittenen Gesichte und dem stechenden Blick ihrer dunkeln Augen.
Gerhart grüßte seine Gäste, blieb aber am Thor stehen und ließ sich nicht stören in seiner Verhandlung mit dem Bauern. Die Gräfin eilte auf Weißenberg und Bertram zu, und das Weib folgte ihr, unaufhörlich sprechend in gleichmäßig klapperndem Tone. Plötzlich vertrat die Alte ihr
den Weg, streckte die Rechte aus, streichelte ihr die Wange, sagte dabei etwas, das sich offenbar auf die Kinder bezog, und hastete davon.
Die Gräfin hatte die unerwünschte Liebkosung ruhig erduldet, deutete mit einer Bewegung des Kopfes nach der Forteilenden und sprach zu Weißenberg: »Antisemitischer Wahnsinn, importirt aus Obositz. Die Leschkova hat mir eben empfohlen, auf meine Kinder acht zu geben, damit sie nicht einem Ritualmorde zum Opfer fallen und er, Leschka, will, daß alles daran gesetzt werde, den einzigen Juden, den wir im Dorfe haben, den kleinen Handelsjuden Moschko, der seit zehn Jahren unangefochten hier haust, um sein Wohnungsrecht zu bringen. Gerhart hat zu thun, dem Herrn Gemeinderath, hinter dem schon eine Partei steht, den Kopf zurecht zu rücken.«
»Schad’ um die Müh. Sie ist verschwendet. Einen Bauern kriegt unsereins nicht herum.«
»Mein Mann hat schon so manchen herumgekriegt,« erwiderte die Gräfin mit ruhiger Sicherheit, und Bertram sah sie bewundernd an. »Mein Mann,« das hatte sie mit demselben beglückten
Stolze, mit eben solcher Zärtlichkeit gesagt, mit denen er sagte: »Meine Frau.«
Nach zehn Ehejahren war die Zuneigung dieser beiden Menschen noch warm und begeistert wie junge Liebe und durch die Zeit vertieft, durch Treue geheiligt worden.
»Dein Meisenmann säet Drachenzähne,« sprach Gerhart, der nun auch herbeikam, zu Weißenberg. »Er predigt Deutschenhaß und Antisemitismus. Wann kriegen wir ihn endlich einmal fort aus unserer Gegend, wann zieht er als Professor in das goldene Prag?«