»Es bleibt noch manches zu wünschen übrig,« erwiderte der Graf, »und, glauben Sie mir, lernen können Sie bei uns nichts. Wir sind selbst Schüler, wir richten uns, so viel wir können, nach der Wirthschaft in Obositz. Da steht unser Vorbild.« Er klopfte Weißenberg liebreich und respektvoll auf die Schulter.
Der lehnte ab: »Den Mechanismus hab’ ich
in leidlichen Stand gesetzt, aber mein Werk ist todt, weil ich die Menschen nicht gefunden habe, die auf meine Absichten eingehen; im Gegentheil, mit wenigen Ausnahmen lauter Gegner, offene und geheime. Abgetrotzt muß ihnen werden, was sie mir leisten sollen. Dir thun deine Leute was zu lieb, mir zu leid, was sie können!« Er kam wieder auf seine Naturerscheinung zurück, und man sah wohl, daß Gerhart ihm nicht recht gab, sich aber schwer entschloß, dem verehrten Manne zu widersprechen.
»Daß deine Obositzer nicht viel taugen, ist ausgemacht,« sagte er. »Vielleicht hat gerade die Großmuth ihrer früheren Herren, die ihnen materiell nützte, ihnen moralisch geschadet. Du, Lieber, Bester, bist in vielem zu gut und nachgiebig.«
»Aha, ich verstehe, das heißt schwach.«
»Verzeih, ja, in vielem – in anderem wieder – wie soll ich sagen? – zu empfindlich. Bist halt vom alten Schlag, hast noch Erinnerungen an eine Zeit, in der der Grundbesitzer der Herr gewesen ist. Das merken diese Menschen, die sich nicht mehr beugen und unterordnen wollen. Bei
mir ist’s anders, ich bin hier von allem Anfang an ein Gleicher unter Gleichen gewesen. Manches, das dir rücksichtslos erscheint, kommt mir selbstverständlich vor. Sie haben mich zum Bürgermeister gewählt, ja, aber wer weiß, ob sie mich wieder wählen, wenn meine Zeit um ist? Ihre Interessen liegen mir am Herzen wie die meinen, sie sind die meinen, wie die meinen die ihren sind – trotzdem: der Klassenhaß, der Argwohn wurzeln schon zu tief in den Gemüthern. Meine Treuesten wissen nicht, was sie antworten sollen, wenn ein Sozialist – ich achte jeden uneigennützigen! – sie fragt: Warum wählt ihr einen Grafen?«
Die Gräfin hatte sich mit den Kindern ins Haus begeben und ließ nach einer kleinen Weile die Herren zur Jause rufen. Aber Gerhart, der eben angefangen hatte, eine nöthig gewordene Grenzregulirung mit Weißenberg zu besprechen, ersuchte Bertram, einstweilen allein voraus zu gehen.
Der Salon, in dem die Hausfrau ihn empfing, war behaglich eingerichtet, spiegelhell und geräumig. Die bunten, doch geschmackvollen Cretonnetapeten
und Draperien erinnerten Bertram an Turgenjews Schilderung des Gastzimmers Frau Shipjagins, und zugleich fiel ihm ein, daß er hier das Widerspiel der Gattin des russischen Staatsmannes vor sich habe. Einen größern Kontrast zwischen ihrem gemachten Wesen und dem der lieben Frau, die ihn jetzt einlud, am Tische Platz zu nehmen, konnte es nicht geben.