»Freund, o Freund, sie ist mein, ich hab’ ihr Jawort!« rief er aus, stockte aber plötzlich, denn
sein Erscheinen hatte Verlegenheit hervorgerufen. Hugo und seine Gattin, die neben ihm stand, schienen sehr ergriffen; die Augen Weißenbergs waren feucht, die Baronin schwamm in Thränen und sah aus wie eine ältliche Rose im frischen Morgenthau.
Auf einem Tische in der Nähe des Kamins lagen zwei Pakete. Das eine war Bertram wohlbekannt; unter seinen Augen hatte der Freund es kürzlich erst in stiller Ergebung so nett zusammengefaltet, wie es sich da wieder präsentirte. Das andre war viel größer, eine gewaltige, verschnürte und versiegelte Postsendung. Auf der Adresse las man außer dem Namen der Baronin: »Hundert Gulden Nachnahme«.
Bertram schlug mit der Faust darauf: »Schuft von einem Carolus!«
»Verzeihen Sie ihm, wie ich ihm verzeihe,« sprach Bertha mit vielem Gefühl, »in meiner Seele ist heute kein Platz für eine herbe Empfindung; ich grolle nicht.«
»Wie gut für uns, daß wir Sie in so milder Stimmung finden, theure, verehrte Frau!...
Hugo, mein Freund, segne uns, wir sind ein Brautpaar. Gnädigste Baronin, segnen Sie uns.«
Die vortreffliche Baronin sandte einige gerührte: »Ah!« zum Himmel, gratulirte ihrer Nichte, gratulirte Bertram und gratulirte sich selbst zu ihrer Divinationsgabe. Sie hatte es ja gedacht, daß es so kommen müsse. Ein seltener Geist, eine eben so seltene anmuthige Gediegenheit können nichts Besseres thun, als sich vereinigen zum ewigen Bunde. Schön bewegt wollte sie die Hände erheben, aber ihr Gatte sprach:
»Einen Augenblick; jetzt will auch ich eine Rede halten.« Er hatte diesen Vorsatz etwas voreilig ausgesprochen, blickte nun hülflos umher, suchte nach Worten und fand sie erst nach einer Weile: »Junges Paar, vor dir steht ein altes, das zum ersten Mal nach zwanzigjähriger Ehe ein Geheimniß vor einander gehabt hat. Der Vertraute beider, ein Ehrenmann, würde es ewig bewahrt haben, aber sie hielten es nicht aus, die beiden, daß ein dritter in irgend einer Sache von einem von ihnen mehr wußte, als einer der beiden vom andern. Sie hielten es nicht aus ...« Seine
Stimme gerieth ins Schwanken. »Ihre alte, treue Liebe – alte Liebe ... ich will sagen« ... Jetzt kippte die Stimme völlig um.