Bertram brach in Lachen aus: »Ist das eine unmoralische Geschichte! Einem Spitzbuben wird die Bußfahrt, die er antreten soll, zur Brautfahrt.«
Für Bertram und Gertrud folgten wunderschöne Tage. Der unbarmherzige Vogelweid war weich wie ein Kind in der Reconvalenscenz. Das Glück hatte alle Bitterkeit in ihm aufgezehrt. Längst entschlummerte Tugenden: Nachsicht, Geduld, erwachten wieder in seiner Brust und regten schneeweiße Engelsflügelchen. Ohne den leisesten
Spott berichtigte er die nicht ganz zutreffenden Schlagworte der Baronin, und lächelte sanftmüthig, wenn sie sich gedrungen fand, ihm die Honneurs der Litteratur zu machen.
Ganz selig und geläutert und über alle irdische Mühsal erhaben, fühlte er sich, wenn Gertrud in einem solchen Augenblicke aufstand, zu ihm trat, seinen vielgeplagten Kopf zwischen ihre Hände nahm, ihn auf die Stirn küßte und sprach:
»Mein Freund, mein geliebter.« Einmal sagte sie auch: »Vielgefürchteter, du bist das Höchste, das es giebt, du bist die Güte selbst.«
Viel, viel zu rasch kam die Stunde der Trennung herbei. Nicht allein, wie er gekommen war, trat Bertram die Rückreise an. Der Herr und der Sohn des Hauses begleiteten ihn; die sämmtliche Dienerschaft folgte und nahm Aufstellung unter dem Thor.
Weißenberg umarmte seine Frau und seine Tochter: »In acht Tagen, sobald der Junge installirt ist, bin ich wieder da.«
»Und ich im Juli,« rief Hagen, und schwang sich flatternd vor Ungeduld neben den Kutscher auf
den Bock: »Adieu, adieu.« Ein unterdrücktes Schluchzen der Baronin, Sieglindens, einiger Diener und Dienerinnen machte sich Luft. Gertrud und Bertram standen Hand in Hand. Sie war sehr blaß; über sein Gesicht blitzte das fatale Zucken, das die ganze Zeit hindurch nicht mehr zum Vorschein gekommen war. Traumverloren stieg er in den Wagen, schrie aber, sobald sich der in Bewegung gesetzt hatte:
»Halt! halt! um Gotteswillen halt! ich habe ja vergessen, mich zu empfehlen.« Der Kutscher riß die Pferde zusammen, Bertram sprang zur Erde, eilte auf die Baronin zu und küßte ihre Hand: »Dank für alle Ihre Güte und Gnade. Dank dafür, daß sie mich zu den Ihren zählen. Gnädigste Baronin, verehrte Tante, bewahren, behüten Sie mir mein Glück!«