»Keine Gefahr. Die unteren Fenster sind blind, und der zweite Stock ist unbewohnt. Man läutet. Nun, wird’s?«
»Aus Jux thu’ ich’s – merken Sie sich das ...« Er hatte sich auf das Fensterbrett gesetzt und die Füße hinaufgezogen; er sah, daß Brand aufstand und auf ihn zukam. Nein, nein! das verbat er sich – Nachhülfe war überflüssig. Hastig erhob er die Hände zur Abwehr, verlor das Gleichgewicht, fuchtelte, einen Stützpunkt suchend, in der Luft herum, und plumpste kopfüber hinaus.
Brand trat ans Fenster und sah ihn auf dem Boden liegen, und gar nicht »fesch«, gar nicht »flott«, mit blöd aufgerissenen Augen zum blauen Himmel empor starren. Er war tief eingesunken in ein frisch rigoltes Beet, das zur Aufnahme schöner Blumen und nicht zu der eines solchen Klotzes bestimmt war. Dietrich warf ihm seinen Cylinder nach, den er vergessen hatte, und konnte nicht umhin, einen neuen Mangel in der Erziehung dieses Herrn zu rügen:
»Wenn er voltigiren gelernt hätte, wie ganz anders wäre er da unten angekommen.«
XV.
Sophie kehrte in freudiger Stimmung heim. Sie war nicht erstaunt, Brand da zu finden. Madame Amélie hatte ihr gesagt, daß er ihr abrathen werde, das Anerbieten des Herrn Vernon anzunehmen, und:
»Einen einmal gefaßten Entschluß lang hinauszuschieben, liegt nicht in Ihrer Art ... Aber denken Sie, jährlich zweitausend Gulden!«
Daß ihr Talent, ihre Thätigkeit so hoch angeschlagen wurden, erfüllte sie mit einem wahren Glücksgefühl. Wenn sie auf den Vorschlag, den Amélie ihr gemacht hatte, einging, war sie sorgenfrei, hatte die Möglichkeit, ihre Kinder gut zu nähren und zu kleiden. »Erwägen Sie, was das heißt,« rief sie aus.
»Es heißt viel,« versetzte Brand. »Sich aber täglich für zwölf Stunden von ihnen trennen und sie der Obsorge der Dienerin überlassen, heißt mehr.«
»Pauline ist brav, und meine Kinder sind gehorsam. Georg hält sein Wort wie ein Mann; ich weiß, was ich mir von ihm versprechen lasse, geschieht. Die Trennung an jedem Morgen wird mir freilich schwer werden, aber was erträgt man nicht, wenn man weiß, in zwei Jahren wird Alles besser. Und das wird sein, denn ich darf jetzt hoffen, in zwei Jahren meine verpfändete Pension eingelöst zu haben.«