»So haben Sie angenommen ...«

»Noch nicht Ich habe mir eine achttägige Bedenkzeit ausgebeten, obwohl Madame Amélie

anfänglich auf sofortiger Entscheidung bestand und den Grund meines Zögerns durchaus kennen wollte. Ich konnte ihr ihn nicht sagen, diesen einzigen Grund ... es ist unmöglich – und auch vielleicht höchst lächerlich ... In meinen Jahren sollte ich doch die Furcht vor der Zudringlichkeit eines Frechlings überwinden können, der seine albernen Späße gewiß einstellen würde, wenn ich den Muth fände, ihn einmal derb abzuweisen.«

»Fragen Sie Pauline, welchen Spaß der Frechling sich eben erst machen wollte,« sagte Brand und schilderte ihr kurz und lebhaft, was zwischen ihm und Eduard vorgefallen war.

Sophie schüttelte den Kopf. Sie war mit seiner Handlungsweise nicht einverstanden: ihr schien, daß er eine Unvorsichtigkeit begangen hatte, eine Übereilung! Er und eine Übereilung! Wie kann man seinem Charakter so untreu werden?

Dietrich suchte sich zu rechtfertigen. Er war mit den Gepflogenheiten des Hauses schon bekannt genug, um zu wissen, daß um diese Stunde höchstens der schwarze Kater sich im Hofe aufhielt. Pauline ist die Einzige, meinte er, der man zu erklären

braucht, wie so der Herr Chef zwar durch die Thür herein, aber nicht mehr durch die Thür hinaus spazierte.

Sophie nahm den Hut ab und die altmodische Mantille, die sie sorgfältig zusammenfaltete, damit das vielfach geflickte Futter nicht zum Vorschein komme. Dann setzte sie sich an den Werktisch und fing an, eine Haube zu montiren.

Sie saß am Fenster im vollen Lichte des sonnigen Tages und Dietrich ihr gegenüber, den Blick unverwandt auf sie gerichtet. Ihre Wangen waren leicht eingefallen, ein Zug von Schwermuth spielte um den Mund mit seinen etwas zu blassen Lippen. Sie sah in diesem Augenblick nicht jünger aus als ihre Jahre. Nur ihre schönen, kunstfertigen Hände waren ganz unverändert geblieben und lösten mit bewunderungswürdigem Geschick und erstaunlicher Leichtigkeit ihre heikle Aufgabe. Der kleine Finger der Rechten, der selbst am Wenigsten leistete, schien der geistige Urheber all des Geleisteten zu sein, schien zu prüfen, zu leiten, sanft gerundet Beifall zu spenden, jäh ausgestreckt Bedenken zu erheben. Brand betrachtete ihn und hätte ihn küssen mögen,

bezwang sich aber und blieb regungslos; ein stiller Beobachter, aus dem allmählich ein gekränkter wurde. Etwas von dem, was in ihm vorging, hätte Sophie doch errathen müssen. War’s möglich, daß der Kampf, den er mit seinem übervollen Herzen kämpfte, von ihr unbemerkt blieb? Nur absolute Gleichgültigkeit kann eine scharfsichtige und gütige Frau so blind und grausam machen. Sophie war sich seiner Anwesenheit wohl gar nicht mehr bewußt, sie hatte ihn vergessen über den Spitzen und Bändern, aus denen sich immer deutlicher ein wunderhübsches, kopfputzartiges Ding gestaltete, das sie nun in die Höhe hielt und aus einiger Entfernung prüfend ansah.