Einmal erfuhr er einen großen Schmerz. Der Arzt hatte den Rath gegeben, Annerl fortzubringen aus der Nähe des Kranken, und es wurde beschlossen, sie der treuen Obhut der Frau Peters anzuvertrauen. Als diese kam, um ihre Schutzbefohlene in Empfang zu nehmen, brach Annerl beim Abschiede von ihrem Bruder in heiße Thränen aus. Sie war aber kaum in die Küche getreten, wo Dietrich Peters von seiner Mutter deponirt
worden war, als man sie auch schon fröhlich lachen und ihn begrüßen hörte.
Georg richtete sich im Bette auf bei diesem Freudenausrufe. »Jetzt ist sie glücklich, wenn sie nur glücklich ist, die Kleine,« sagte er, kehrte sich mit dem Gesichte gegen die Wand – und weinte ganz leise.
Bei einem Haar hätte Brand mitgeweint, so nahe ging ihm das Leid, das seinem lieben Jungen widerfuhr. Aber zwischen dem, was sich an weichen Empfindungen in einem Manne regt und dem, was von ihnen zu Tage kommt, liegt eine Welt des Unausgesprochenen. Brand hielt sich immer im Zaume, verrieth nie eine Schwäche und pflegte eifrigst das Talent zur erziehlichen Krankenwartung, das er in sich entdeckte. Dazu gehörte unter Anderem auch eine ganz vortreffliche, originelle Erzählungsgabe, von der Dietrich bisher nichts geahnt hatte. Kein brutales Vorbringen all’ dessen, was Einem eingefallen ist, nein, ein Erfinden während des Erzählens, und dabei ein fortwährendes Beobachten des Eindrucks, den dieses hygienische Fabuliren hervorbringt. Der Eindruck, den es macht, ist seine Muse, sein Stachel und Zügel: er lehrt:
jetzt darfst du steigern, spannen, und jetzt mußt du nachlassen, wohlthuend und sanft, und jeden Mißton auflösen und verklingen lassen in Frieden und Harmonie.
Das konnte Brand, das hatte er gelernt, das hatte die Liebe zu seinem lieben Jungen ihn gelehrt. Und was nicht Alles noch! Die Anordnungen des Doktors befolgte er gewissenhaft, aber gegen seine Diagnose erhob er Einwendungen:
»Es ist eine Entwicklungskrankheit, glauben Sie mir, aus der Georg sich neu gestärkt erheben, und dann erst recht kräftig an Leib und Seele gedeihen wird. Er wird seine kleinen Absonderlichkeiten und Empfindlichkeiten abstreifen, und Einer wie Tausende werden in allem Geringfügigen und Nebensächlichen; Einer wie Wenige aber in allem Großen, Ernsten, Wichtigen. Machen Sie ihn nur zu einem gesunden Menschen, Herr Doktor, zu einem tüchtigen, einem ausgezeichneten Menschen, wird er sich machen ohne Sie und ohne mich, denn – ich sehe das schon – er gehört zu Denen, die sich selbst und gelegentlich ganz unbewußt den Erzieher erziehen.«
Die Stellung Sophiens im Hause Vernon war seit der Abreise ihrer Gönnerin ungemein schwierig geworden. Die Untergebenen legten offene Feindseligkeit an den Tag. Fräulein Julie veränderte den Ton. Kein Entgegenkommen mehr, nicht die geringste Freundlichkeit. Ja, sie trug nun einmal die Verantwortung für das strengste Aufrechthalten der Disziplin im Geschäfte. Sie bedauerte sehr, daß Frau von Müller ein krankes Kind zu Hause hatte; schlug aber ihre Bitte, durch wenige Tage nur etwas später als sonst ins Atelier kommen zu dürfen, rund ab. Nicht sie hatte Gnaden auszutheilen, dieses Vorrecht genoß einzig die Prinzipalin. Etwas Anderes ist, wenn Frau von Müller Urlaub nehmen will; den kann sie jede Stunde haben, selbstredend mit Verzicht auf ihre hohe, sehr hohe Besoldung.
Dietrich nannte das Vorgehen Fräulein Juliens ganz korrekt, als ihm Sophie so gelassen, als ihr möglich war, von ihrem Mißerfolg berichtete.