»Die beste Kost, scheint mir – ich meine die gesündeste …«

»Jede Kost ist gesund. Die eine ist gesunder als die andere – aber alle gewöhnlichen Gerichte sind gesund genug für die Leute, die darauf angewiesen sind. Mag eine Kost fein oder derb sein, sie wird gut schmecken und nahrhaft sein, wenn man auf seinen Appetit acht giebt und jedesmal, wenn er schwächer wird, ein kleines Fasten einschiebt. Nansen war an feine Kost gewöhnt, aber als monatelang seine Mahlzeiten nur auf Bärenfleisch beschränkt waren, da machte ihm das weder Schaden an der Gesundheit noch Unbehagen, weil sein Appetit infolge der Schwierigkeit, sich das Bärenfleisch regelmäßig zu beschaffen, in gutem Stande gehalten wurde.«

»Aber Aerzte entwerfen sorgfältig überdachte und auserlesene Zusammenstellungen von Speisen für Kränkliche.«

»Sie können’s nicht anders. Der Patient ist voll von ererbten Vorurteilen und hungert nicht aus freien Stücken. Er denkt, das würde ihn ganz bestimmt ins Grab bringen.«

»Es würde ihn aber doch schwach machen, nicht wahr?«

»Aber ohne Gefahr. Nehmen Sie die Kranken unter unseren Schiffbrüchigen. Sie lebten vierzehn Tage lang von ein paar Schnipfeln rohen Schinkens, lutschten ’mal an einem Matrosenstiefel und hungerten die ganze Zeit. Es machte sie schwach, aber es that ihnen nichts. Es brachte sie in eine gute Verfassung, so daß sie von einer herzhaften Kost herzhaft essen konnten; sie gewannen dadurch die Grundlage für eine kräftige Gesundheit. Aber sie waren nicht verständig genug, sich’s zu nutze zu machen, sie ließen die Gelegenheit vorübergehen, sie blieben kränklich – es geschah ihnen recht! Kennen Sie den Kniff aller Badeärzte?«

»Worin besteht er?«

»Es ist mein System in einer Verkleidung – verschleiertes Hungern. Traubenkur, Brunnenkur, Moorbadekur – ’s ist alles dasselbe. Die Trauben, der Brunnen, das Moorbad – sie geben der Sache einen Anstrich und helfen auch ein bißchen, die Hauptarbeit aber macht das Hungern, wovon der Patient nichts weiß. Einer ist an vier Mahlzeiten gewöhnt und zwar zu späten Stunden, an den beiden Enden seines Tages – nun sehen Sie sich ’mal an, was er in einem Kurort zu thun hat: Er steht auf um sechs Uhr in der Frühe. Ißt ein Ei. Trampelt zwei Stunden lang mit den anderen Narren einen Spazierweg auf und nieder. Ißt einen Schmetterling. Schlürft ein Glas von einem gefilterten Gesöff, das wie Raubvogelatem riecht. Spaziert nochmals zwei Stunden, aber allein; wenn man ihn anredet, sagt er ängstlich: ›Mein Brunnen! – Ich bin dabei, meinen Brunnen abzulaufen; bitte, stören Sie mich nicht!‹ – und stapft weiter. Ißt ein gezuckertes Rosenblatt. Ruht sich stundenlang in der Stille und Einsamkeit seines Zimmers; darf nicht lesen, darf nicht rauchen. Nun kommt der Doktor und befühlt sein Herz, seinen Puls, und beklopft seine Brust und seinen Rücken und seinen Magen und horcht mit einem Kindertrompetchen darauf herum. Dann befiehlt er des Patienten Bad: ›einen halben Grad Réaumur kälter als gestern.‹ Nach dem Bade wieder ein Ei. Ein Glas Gesöff um drei oder vier Uhr nachmittags, und feierliche Promenade mit den anderen Krüppeln. Diner um sechs: ein halbes Spätzle und eine Tasse Thee. Wieder Spazierengehen. Um halbneun Abendessen: noch einen Schmetterling. Um neun zu Bett. Dieses ›Regime‹ sechs Wochen lang – denken Sie sich’s mal aus. Es hungert einen Menschen aus und bringt ihn in eine prachtvolle Verfassung. Es hätte dieselbe Wirkung in London, New York, Jericho – überall.«

»Wie lange dauert es hier bei Ihnen, bis eine Person wieder in guter Verfassung ist?«

»Es sollte nur einen oder zwei Tage erfordern; thatsächlich dauert es aber eine bis sechs Wochen; je nach dem Charakter und der Geistesanlage der Patienten.«