»Wie kommt das?«
»Sehen Sie dahinten die Schar von Damen, die Fußball spielen, boxen und über die Zäune springen? Sie sind sechs oder sieben Wochen hier gewesen. Sie waren mickrige arme Gespenstergestalten, als sie kamen. Gewohnheitsmäßig nibbelten sie viermal täglich zu festgesetzten Stunden an Leckereien und Delikatessen und hatten Appetit auf gar nichts. Ich fragte sie aus und schloß sie darauf in ihre Zimmer ein, um zu hungern – die schwächsten für neun oder zehn Stunden, die anderen für zwölf bis fünfzehn. Es dauerte nicht lange, so begannen sie zu betteln; und sie litten in der That beträchtlich. Sie jammerten über Uebelkeit, Kopfschmerzen u. s. w. Aber dann hätten Sie sie sollen essen sehen, als die Zeit um war! Sie konnten sich nicht erinnern, daß ihnen jemals das Verzehren einer Mahlzeit ein solches Entzücken bereitet hätte – so drückten sie sich wörtlich aus. Damit hätte denn nun ihre Kur zu Ende sein sollen – aber nein! Sie konnten nach Belieben an jeder Mahlzeit meines Hauses teilnehmen und sie wählten ihre gewohnten vier. Nach einem oder zwei Tagen hatte ich einzuschreiten. Der Appetit nahm wieder ab. Ich ließ sie eine Mahlzeit überschlagen. Das brachte sie wieder auf den Damm. Dann fingen sie wieder mit ihren vier Mahlzeiten an. Ich bat sie, sie möchten doch lernen, von selber eine zu überschlagen, ohne auf mich zu warten. Bis vor vierzehn Tagen konnten sie das nicht; sie hatten wirklich dazu nicht Mut genug; aber schließlich brachten sie’s doch dazu und jetzt denke ich, sie sind in Sicherheit. Sie überschlagen alle Augenblicke einmal aus eigenem Antrieb eine Mahlzeit. Sie sind jetzt prächtig bei Gesundheit und ich glaube, sie könnten ruhig nach Hause reisen, aber sie haben noch kein vollkommenes Vertrauen zu sich selber und deshalb warten sie noch eine Weile.«
»Giebt es auch andere Fälle verschiedener Natur?«
»O ja. Zuweilen lernt einer die ganze Kunst in einer Woche – lernt seinen Appetit zu regulieren und dadurch in vorzüglicher Ordnung zu halten – lernt häufig einmal eine Mahlzeit zu überschlagen, ohne sich was daraus zu machen.«
»Aber warum muß man eine ganze Mahlzeit überschlagen? Warum läßt man nicht einen Teil weg?«
»Das wäre ein schwächliches Verfahren und ein unzulängliches! Wenn der Magen nicht kräftig nach Nahrung verlangt – sozusagen darnach schreit – so ist es besser, ihn nicht zu belästigen, sondern ihm eine wirkliche Ruhe zu gönnen. Es giebt Menschen, die mehr essen können als andere und dabei doch gedeihen. Es giebt allerhand Sorten von Menschen und allerhand Sorten von Appetiten. Ich werde Ihnen nachher einen Herrn vorstellen, der sich’s angewöhnt hatte, täglich an acht Mahlzeiten herumzunibbeln. Das waren für die ihm eigentümliche Art von Appetit zwei zu viel. Ich habe ihn auf täglich sechs heruntergebracht und er ist wohl und munter und freut sich seines Lebens … Wieviele Mahlzeiten halten Sie jeden Tag?«
»Früher – zweiundzwanzig Jahre lang – anderthalb; während der beiden letzten Jahre zwei und eine halbe: Kaffee und ein Brötchen um neun; Frühstück um eins, Hauptmahlzeit um halb acht oder acht.«
»Früher ein und eine halbe Mahlzeit – das heißt: Kaffee und ein Brötchen um neun, Hauptmahlzeit abends, zwischendurch nichts – ist’s nicht so?«
»Ja.«
»Warum fügten Sie eine Mahlzeit hinzu?«