Dies war 1866. Ich machte einen Beitrag fertig und sah mich sodann um, welche Zeitschrift wohl die beste wäre, um meinen Ruhm aufblitzen zu lassen. Ich wählte die bedeutendste, die es in New York gab. Mein Beitrag wurde angenommen. Ich unterzeichnete ihn ›Mark Twain‹, denn dieser Name war an der Küste des Stillen Ozeans schon so ziemlich unter den Leuten und ich gedachte ihn jetzt mit diesem einzigen Anlauf über die ganze Welt zu verbreiten. Der Artikel erschien in der Dezember-Nummer und ich saß einen ganzen Monat und lauerte auf das Januarheft; denn dieses mußte die Liste der Mitarbeiter des Jahrgangs enthalten; mein Name würde darunter und ich würde berühmt sein und könnte das Bankett geben, dessen Veranstaltung ich plante.

Ich gab das Bankett nicht. Ich hatte die Worte ›Mark Twain‹ nicht ganz deutlich geschrieben; es war für die Buchdrucker im Osten ein neuer Name und sie setzten dafür ›Mike Swain‹ oder ›Mac Swain‹ – genau erinnere ich mich nicht mehr. Jedenfalls wurde ich nicht berühmt und gab kein Festmahl. Ich war eine litterarische Person, aber was für eine – eine begrabene, eine lebendig begrabene!

Mein Artikel betraf den Brand des Schnellseglers ›Hornet‹, der am 3. Mai 1866 auf der Fahrt unterging. Es waren damals 31 Mann an Bord, und ich befand mich in Honolulu, als die 15 Ueberlebenden, zu Gespenstern abgemagert, dort ankamen, nachdem sie mit Lebensmitteln für zehn Tage versehen in offenem Boot eine 43tägige Reise unter der sengenden Tropensonne gemacht hatten. Ein recht bemerkenswerter Ausflug; aber der Kapitän, der ihn leitete, war auch ein bemerkenswerter Mann, sonst würde kein einziger lebend angekommen sein. Er war ein Neuengländer vom besten Seemannsschlag der tüchtigen alten Zeit – Kapitän Josiah Mitchell.

Ich befand mich auf den Sandwichinseln, um Briefe für die Wochenausgabe der ›Union‹ von Sacramento zu schreiben, eine reiche und einflußreiche Tageszeitung, die zwar meine Artikel nicht nötig hatte, sich’s aber leisten konnte, wöchentlich 20 Dollars für nichts auszugeben. Die Eigentümer waren liebenswürdige und allgemein beliebte Leute; ohne Zweifel sind sie jetzt längst tot, aber in mir lebt wenigstens noch ein Mensch, der ihnen eine dankbare Erinnerung zollt; denn es lag mir sehr viel daran, die Inseln zu sehen, und sie erhörten meine Bitte und verschafften mir die Gelegenheit, obwohl nur kümmerliche Aussicht vorhanden war, daß sie irgend welchen Nutzen davon hätten.

Ich war mehrere Monate auf den Inseln gewesen, als die Schiffbrüchigen ankamen. Ich war bettlägerig in meinem Zimmer und nicht imstande auszugehen. Hier bot sich eine großartige Gelegenheit mein Blatt gut zu bedienen – und ich konnte sie mir nicht zunutze machen! Natürlich ärgerte mich das schmählich. Aber zum guten Glück war damals Excellenz Anson Burlingame in Honolulu, auf dem Wege zur Uebernahme seines Postens in China, wo er den Vereinigten Staaten so gute Dienste leistete. Er kam zu mir, besorgte eine Tragbahre und ließ mich nach dem Krankenhaus tragen, wo die Schiffbrüchigen lagen. Ich brauchte nicht einmal eine Frage zu stellen; das besorgte er alles selber und ich hatte nichts weiter zu thun als die Notizen zu machen. Es war so recht bezeichnend für ihn, daß er sich die Mühe machte. Er war ein großer Mann und großer Amerikaner und es lag in seiner prächtigen Natur, sich nicht auf den Standpunkt seiner hohen Würde zu stellen, sondern einen freundlichen Dienst zu erweisen, wenn er nur konnte.

Um sechs Uhr abends waren wir mit der Arbeit fertig. Ich aß nichts, denn es war keine Zeit zu verlieren, wenn ich die anderen Berichterstatter schlagen wollte. Es kostete mich vier Stunden, meine Notizen in richtige Ordnung zu bringen, dann schrieb ich die ganze Nacht durch und noch ein bißchen länger. Der Erfolg war der, daß ich am Morgen um neun einen langen und umständlichen Bericht von den Erlebnissen der Hornet-Mannschaft fertig hatte, während die Korrespondenten der San Franciscoer Blätter nur eine kurze Schilderung der hauptsächlichsten Vorfälle schicken konnten – denn sie blieben nicht die Nacht auf. Der Schoner, der in unregelmäßigen Zwischenräumen den Postverkehr mit San Francisco besorgte, sollte ungefähr um neun segeln; als ich zum Dock kam stieß er gerade vom Quai ab. Mein dickleibiger Brief wurde von starker Hand hinübergeworfen und fiel richtig an Bord – und damit war mein Sieg gewonnen. Das Schiff landete zur rechten Zeit in San Francisco; mein vollständiger Bericht schlug wie eine Bombe ein und wurde von Mr. Cash, dem damaligen Vertreter des New York-Herald, an die New Yorker Zeitungen telegraphiert.

Als ich einige Zeit darauf nach Kalifornien zurückkehrte, reiste ich nach Sacramento und präsentierte meine Rechnung für allgemeine Berichterstattung zu 20 Dollars die Woche. Sie wurde bezahlt. Dann kam ich mit einer Rechnung für ›Spezialdienst beim Hornetfall‹: drei Spalten enggesetzte Nonpareilleschrift zu 100 Dollars die Spalte. Der Kassierer fiel zwar nicht in Ohnmacht, aber es fehlte nicht viel daran. Er ließ die Verleger rufen und sie kamen und sagten kein Wort. Sie lachten nur nach ihrer lustigen Art und sagten, es sei Spitzbüberei, aber es schade nichts; es sei eine großartige Leistung (ob sie meine Rechnung oder den Hornetartikel meinten, weiß ich nicht). »Zahlen Sie aus; ’s ist alles in Ordnung.« Die besten Zeitungsverleger, die es jemals gab!

Die Ueberlebenden von der ›Hornet‹ kamen am 15. Juni bei den Sandwichinseln an. Sie waren bloß noch Haut und Knochen; die Kleider schlotterten um sie herum, und saßen ihnen wie eine Flagge, die bei Windstille am Stock herunterhängt. Aber sie wurden im Hospital gut gepflegt und die Einwohner von Honolulu versahen sie mit allen Leckerbissen, die ihnen gut thun konnten; sie bekamen schnell wieder Kräfte und bald waren sie so gut wie hergestellt. Nach vierzehn Tagen reisten die meisten von ihnen nach San Francisco; ich ging mit demselben Schiff, einem Segler. Kapitän Mitchell von der ›Hornet‹ war auch dabei, desgleichen die beiden einzigen Passagiere, die auf der ›Hornet‹ gewesen waren. Es waren zwei junge Studenten, Brüder, aus Stamford, Connecticut: Samuel und Henry Ferguson. Die ›Hornet‹ war ein Schnellsegler erster Klasse; die Kajüte der jungen Leute war geräumig und bequem, gut ausgerüstet mit Büchern und auch mit eingemachten Fleischspeisen, Gemüsen und Früchten, um die Schiffskost aufzubessern. Als das Schiff in der ersten Januarwoche aus dem New Yorker Hafen auslief sprachen alle Anzeichen dafür, daß die vierzehn- oder fünfzehntausend Meilen bis zum Ziel in schneller und angenehmer Fahrt würden zurückgelegt werden. Sobald die kalten Breiten im Rücken lagen und das Schiff in Sonnenwetter eintrat, wurde die Reise zu einem Sonntagspicknick. Das Schiff flog südwärts unter einer Wolke von Segeln, die keine Aufmerksamkeit erforderten, da tagelang keine einzige Aenderung daran nötig war. Die jungen Leute lasen, schlenderten auf dem geräumigen Deck herum, ruhten und träumten im Schatten der Segel, speisten mit dem Kapitän; und wenn er sein Tagewerk gethan hatte, spielten sie ›Whist mit ’nem Blinden‹ mit ihm bis zur Schlafenszeit. Nach dem Schnee und Eis und den Stürmen von Kap Horn trollte das Schiff wieder nordwärts, bis es in Sommerwetter kam, und wieder war die Spazierfahrt ein Picknick. Bis zum frühen Morgen des 3. Mai.

Vermutliche Lage des Schiffes: 112° 10´ w. L., 2° n. Br. Kein Wind, kein Seegang – tote Stille. Temperatur tropisch d. h. sengend, blasenziehend von einer Art, daß jemand, der noch nicht selber in solcher Hitze geröstet worden ist, sich keinen Begriff davon machen kann. Auf einmal ein Schrei: »Feuer!« Ein gewissenloser Matrose war gegen alle Vorschriften mit einem offenen Licht in die Vorratskammer gegangen, um etwas Firnis aus einem Faß zu holen. Es kam, wie es kommen mußte, und des Schiffes Stunden waren gezählt.

Es war nicht viel Zeit zu verlieren, aber der Kapitän wußte sie vortrefflich anzuwenden. Die drei Boote wurden ausgesetzt, das Langboot und zwei Seitenhanger. Daß die Zeit sehr knapp und der Wirrwarr und die Aufregung sehr beträchtlich waren, geht schon daraus hervor, daß beim Aussetzen der Boote das eine durch einen Zusammenstoß einen ziemlich bedeutenden Leck bekam und daß dem zweiten ein Ruder durch die Seite gerannt wurde. Vor allem sorgte der Kapitän dafür, daß vier kranke Matrosen auf Deck gebracht und vorläufig auf einer sicheren Stelle niedergelegt wurden – unter ihnen ein Portugiese. Dieser hatte die ganze Reise über keinen einzigen Tag gearbeitet, sondern vier Monate lang in seiner Hängematte gelegen und eine Eiterbeule gepflegt. Als wir im Krankenhaus von Honolulu unsere Notizen machten und ein Matrose Herrn Burlingame diesen Nebenumstand berichtete, hob der Dritte Steuermann, der im Bett nebenan lag, mit aller Anstrengung seinen Kopf hoch und berichtigte mit schwacher Stimme, aber feierlich und im Tone der Ueberzeugung: