4. Juni. Wenn unser Chronometer einigermaßen richtig geht, müssen wir morgen oder übermorgen die ›Amerikanischen Inseln‹ sehen. Sind sie nicht da, so haben wir für uns nur noch die Möglichkeit, einem von seinem Kurs verschlagenen Schiff zu begegnen, aber dies müßte in den allernächsten Tagen sein, denn länger als 5 oder 6 Tage können wir mit unseren Nahrungsmitteln nicht reichen und mit unseren Kräften geht es sehr schnell abwärts. Ich war sehr erstaunt als ich heute bemerkte, wie meine Beine oberhalb der Kniee abgemagert sind; sie sind kaum noch dicker als früher meine Oberarme waren. Doch ich vertraue auf Gottes unendliche Gnade, ich bin gewiß, Er wird’s machen, wie es für uns am besten ist. Daß wir 32 Tage in einem offenen Boot am Leben geblieben sind, mit Nahrungsmitteln, die nur für 10 Tage reichten und von denen wir noch dazu zweimal einen Teil abgegeben haben – das ist mehr, als menschliche Klugheit und Kraft ohne Beistand vollbringen könnte.
Aus des Kapitäns Logbuch:
4. Juni. Brot und Rosinen gänzlich aufgezehrt.
Aus Henry Fergusons Tagebuch:
Die Unzufriedenheit der Mannschaft wird gefährlich; wir hören lautes Murren und rohe Redensarten. Gott behüte uns vor einem Kampf mit den Leuten; wenn wir sterben müssen, so nehme Er uns zu sich und mache uns den bitteren Tod nicht noch bitterer.
Aus Samuels Tagebuch:
Eine ruhige Nacht und ein leidlicher Tag; leider sind unser Segel und der Flaschenzug schadhaft geworden und müssen ausgebessert werden; das ist ein hartes Stück Arbeit, weil es notwendig ist, dazu den Mast zu erklettern. Von den Leuten vernehmen wir, daß unter ihnen Unzufriedenheit herrscht und drohende Klagen über ungerechte Verteilung des Essens laut werden – lauter unvernünftiges Zeug; es gilt indessen auf der Hut zu sein. Ich werde erbärmlich schwach, suche mich aber, so gut ich kann, aufrecht zu erhalten … Von heute an giebt’s nur noch eine Mahlzeit, ungefähr um die Mittagsstunde; dazu um 8 oder 9 Uhr morgens, um 12 Uhr mittags und um 5 oder 6 Uhr abends je einen kleinen Schluck Wasser.
Aus des Kapitäns Logbuch:
Nichts mehr übrig als ein Stückchen Schinken und ein Becher Wasser für jeden.
Jetzt sind sie also herunter auf eine Mahlzeit täglich – und was für eine ›Mahlzeit‹! – und dabei noch 1500 Meilen vor ihnen! Immer furchtbarer wurde die Lage und wenn sie auch von wirklicher Meuterei verschont blieben, so wurde doch die Haltung der Leute sehr bedrohlich. Und welch wunderbare Fügung: Der Matrose Cox, der vorhin erwähnt wurde, war mehrere Tage in des Obersteuermanns Boot gewesen; er war bereits gänzlich ihrem Gesichtskreis entschwunden, dann zurückgekehrt und in das Langboot aufgenommen worden. Nun, wäre er nicht zurückgekommen, so wären wohl der Kapitän und die beiden jungen Passagiere von den Matrosen totgeschlagen worden, denn diese waren jetzt infolge ihrer Leiden dem Wahnsinn nahe. Folgenden Zettel steckte Henry seinem Bruder Samuel zu: