»Weshalb thaten Sie es denn?«
»Es war ein Ding der Notwendigkeit.«
»Ich will Ihnen sagen, wie es kam, da mein Bruder mit der Sprache zögert,« rief jetzt Angelo eifrig. »Er tötete ihn, um mir das Leben zu retten; es war eine edle That, die das Licht nicht zu scheuen braucht.«
»Gewiß nicht, gewiß nicht,« bestätigte Wilson, »wer so etwas um seines Bruders willen vollbringt, darf sich dessen wohl rühmen.«
Luigi schüttelte den Kopf. »Es klingt zwar alles sehr schön, was ihr da sagt, aber mit der Selbstlosigkeit, dem Heldentum und Edelmut ist’s nicht weit her. Vergeßt nur nicht, daß ich Angelos Leben retten mußte, weil sonst auch meines bedroht war. Würde der Mann mich etwa nicht umgebracht haben, nachdem er meinen Bruder getötet hatte? Also habe ich mir selbst das Leben gerettet.«
»Ja, so sprichst du immer,« rief Angelo, »aber ich kenne dich und glaube, du hast gar nicht an dich selbst gedacht. Die Waffe, mit der Luigi den Mann getötet hat, bewahre ich als Andenken und will sie Ihnen einmal zeigen. Sie hat durch dies Ereignis noch an Interesse gewonnen, aber schon ehe sie in Luigis Hände kam, hatte sie ihre Geschichte. Ein großer indischer Prinz, der Gaikowar von Baroda, in dessen Familienbesitz sie sich seit zwei oder drei Jahrhunderten befand, hat sie Luigi geschenkt. Schon manchem, der jenem Hause feindlich gesinnt oder lästig war, mag damit der Garaus gemacht worden sein. Es ist ein absonderliches Ding, ganz anders geformt als ein gewöhnliches Dolchmesser. Ich will Ihnen gleich eine Zeichnung davon machen.« Er nahm ein Blatt Papier und warf rasch eine Skizze hin. »So ungefähr sieht es aus – die breite, mörderische Klinge ist scharf wie ein Rasiermesser. Die Namen oder Abzeichen seiner Besitzer sind der Reihe nach darin eingegraben. Luigis Namen und unser Wappen ließ ich selbst in lateinischer Schrift hinzufügen. Ganz eigentümlich ist auch der Griff; er besteht aus massivem, spiegelglattem Elfenbein, ist rund, vier bis fünf Zoll lang und so dick wie das Handgelenk eines starken Mannes. Das Ende ist abgeplattet, damit der Daumen darauf ruhen kann, wenn man das Dolchmesser emporhebt, um zuzustoßen. Der Gaikowar zeigte uns, wie man es handhaben muß, als er es Luigi gab, und noch in derselben Nacht stieß ihm mein Bruder einen seiner Leute mit dem Messer nieder. Die Scheide ist mit prachtvollen Edelsteinen von großem Werte reich verziert und würde Ihnen vielleicht noch besser gefallen als die Waffe selbst.«
Als Tom das hörte, dachte er bei sich: »Wie gut, daß ich hergekommen bin; ich hätte das Dolchmesser um einen Pappenstiel verkauft, weil ich die Edelsteine für gewöhnliches Glas hielt.«
»Erzählen Sie doch weiter,« bat Wilson, »wir sind begierig, etwas von dem Ueberfall zu erfahren. Wie ging es denn dabei zu?«
»Das Messer war einzig und allein schuld daran. Ein eingeborener Diener schlich sich des Nachts in unser Zimmer im Palast, um es zu stehlen, ohne Zweifel wegen der kostbaren Steine auf der Scheide, die ein ganzes Vermögen wert sind. Es lag unter Luigis Kopfkissen und wir waren beide im Bett. Ich schlief, Luigi aber wachte, und beim düstern Schein des Nachtlichts, das im Zimmer brannte, glaubte er die Umrisse einer Gestalt zu erkennen, die sich dem Lager näherte. Er zog das Messer aus der Scheide und rüstete sich zur Gegenwehr. Decken und Betttücher brauchte er nicht erst zurückzuschlagen, denn bei der großen Hitze hatten wir keine. Plötzlich richtete sich jener Eingeborene neben dem Bette auf und beugte sich über mich; in seiner erhobenen Rechten funkelte ein Dolch, mit dem er nach meiner Kehle zielte. Doch rasch packte Luigi den Mann am Handgelenk, warf ihn zu Boden und stieß ihm das scharfe Messer ins Genick. – Das ist die ganze Geschichte.«
Die Zuhörer holten tief Atem, und man sprach noch eine Weile über den schrecklichen Vorfall. Dann griff Wilson nach Toms Hand.