»Laß doch einmal sehen, Tom,« sagte er, »ob bei dir nicht irgend eine kleine, verborgene Heimlichkeit zu entdecken wäre. Zufällig habe ich deine Handfläche noch nie besichtigt. – Oho! –«

Tom hatte ihm rasch die Hand entzogen und sah ganz bestürzt aus.

»Er wird ordentlich rot,« rief Luigi.

»So?« erwiderte Tom heftig und warf ihm einen bösen Blick zu, »aber doch wenigstens nicht, weil ich ein Mörder bin

Luigis dunkle Augen flammten; ehe er jedoch etwas thun oder sagen konnte, rief Tom schon mit ängstlicher Hast: »O, ich bitte tausendmal um Entschuldigung, ich habe das gar nicht sagen wollen, es fuhr mir nur so heraus. Es thut mir wirklich sehr, sehr leid – nicht wahr, Sie verzeihen mir?«

Wilson kam ihm zu Hilfe und suchte die Sache friedlich beizulegen, so gut er konnte. Das gelang ihm auch vollkommen, so weit es die Zwillinge betraf; denn ihnen war die unangenehme Lage, in die Wilson durch die rohen Worte seines Gastes geraten war, peinlicher als die Beleidigung selbst. Auf Tom hatte aber Wilsons Vermittlung keine so günstige Wirkung. Zwar stellte er sich möglichst unbefangen, und man merkte ihm auch äußerlich keine Verstimmung an, aber im Grunde grollte er doch den drei Zeugen seiner Unhöflichkeit. Es verdroß ihn, daß sie überhaupt zugegen gewesen waren und seine Worte beachtet hatten, und dabei vergaß er fast, sich über seinen eigenen Mangel an Lebensart zu ärgern. Doch bald geschah etwas, wodurch seine Gemütsverfassung wieder behaglicher und menschenfreundlicher wurde. Die Zwillinge fingen nämlich unter sich Streit an; es war zwar nur ein unbedeutender Wortwechsel, aber sie erhitzten sich doch in kurzer Zeit gewaltig gegen einander. Tom hatte große Freude daran und that was er konnte, um das Feuer zu schüren, natürlich mit Vorsicht, und indem er sich den Anschein gab, als wünsche er es zu dämpfen. Bald entfachte sich die Glut mit seiner Hilfe mehr und mehr, und vielleicht hätte er im nächsten Augenblick die Genugthuung gehabt, die Flamme emporlodern zu sehen, wäre der Auftritt nicht durch ein Klopfen an der Thür unterbrochen worden. Diese Störung kam ihm ebenso ungelegen, wie sie Wilson angenehm war.

Der neue Ankömmling, dem Wilson die Thür öffnete, war ein gutmütiger, handfester und ungebildeter Irländer von mittleren Jahren, Namens John Buckstone, ein großer Politiker im kleinen, der an allen öffentlichen Angelegenheiten einen hervorragenden Anteil nahm. Gerade jetzt war die Stadt in voller Aufregung wegen der herrschenden Meinungsverschiedenheit über den Genuß berauschender Getränke. Die Rum-Partei kämpfte einen erbitterten Kampf mit der Anti-Rum-Partei. Buckstone gehörte zu ersterer und war abgesandt worden, um die Zwillinge aufzusuchen und sie einzuladen, einer Massenversammlung der Rum-Partei beizuwohnen. Er richtete seine Botschaft aus und fügte hinzu, daß die Bundesbrüder sich schon in der großen Halle des Markthauses versammelten. Luigi folgte der Aufforderung bereitwillig, Angelo dagegen nur zögernd, denn er liebte weder ein großes Gedränge, noch konnte er den starken, amerikanischen Branntwein vertragen. Auch neigte er dem Mäßigkeitsverein zu.

Als die Zwillinge sich mit Buckstone entfernten, schloß sich ihnen Tom Driscoll unaufgefordert an. Schon von weitem konnte man die lange Reihe der Fackeln hin- und herschwanken sehen, die sich die Hauptstraße hinunter bewegten; die Pauken dröhnten, die Zimbeln schmetterten, die Querpfeifen quiekten, und fernes Hurrahgeschrei schallte an ihr Ohr. Eben stiegen die letzten Teilnehmer am Zuge die Treppe des Markthauses hinauf, als die Zwillinge sich dem Gebäude näherten; sie fanden die Halle schon dicht gedrängt voll von Menschen, die Fackeln rauchten und überall herrschte Lärm und Begeisterung.

Buckstone führte die Brüder auf die Rednerbühne, wohin ihnen Tom Driscoll gleichfalls folgte, und stellte sie dem Präsidenten vor, während die Menge sie mit lautem Zuruf willkommen hieß. Als der Lärm sich etwas gelegt hatte, forderte der Vorsitzende die Anwesenden auf: »die erlauchten Gäste damit zu begrüßen, daß wir sie alsbald zu Mitgliedern unserer glorreichen Vereinigung – dem Paradies der Freien und dem Verderben der Sklaven – durch allgemeines Handaufheben erwählen.«

Dieser rednerische Erguß öffnete die Schleusen der Begeisterung von neuem; die Wahl erfolgte mit Einstimmigkeit und donnerndem Beifall. Dann vernahm man stürmische Rufe: »Feuchtet sie an! Feuchtet sie an! Sie sollen uns Bescheid thun!«