Schon wieder habe ich eins jener kleinen merkwürdigen Erlebnisse zu verzeichnen, wie sie hie und da jedem Menschen zustoßen. Man denkt stundenlang darüber nach und bleibt so klug wie zuvor, denn eine Erklärung sucht man vergebens. Die Sache, welche an sich ganz unbedeutend aussieht, verhielt sich wie folgt:

Vor einigen Tagen sagte ich: »Es scheint, Frank Millet weiß gar nicht, daß wir in Deutschland sind, sonst würde er längst geschrieben haben. In den letzten sechs Wochen bin ich wohl ein Dutzendmal drauf und dran gewesen, ein paar Zeilen an ihn zu spedieren, habe aber immer wieder beschlossen zu warten, da er doch endlich etwas von sich hören lassen muß. Jetzt schreibe ich aber sofort.« Ich that es, schickte den Brief nach Paris und dachte bei mir: »Ehe dieser Brief fünfzig Meilen über Heidelberg hinaus ist, haben wir bereits Nachricht von Frank – so geht es ja immer.«

Und richtig, was ich gesagt hatte traf ein. Es geschieht ja wunderbarerweise nichts häufiger im Leben, als daß sich Briefe kreuzen; ob das aber auf einem Zufall beruht, möchte ich bezweifeln. Unser Vorgefühl, daß sich der Brief, den wir eben an eine Person schreiben, mit einem von derselben Person an uns gerichteten kreuzen wird, ist oft schon stark genug gewesen, um uns zu veranlassen, den schriftlichen Erguß merkwürdig kurz zu fassen, da man seine Zeit nicht unnütz verschwenden will – die Briefe kreuzen sich ja doch. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß mich dieses Vorgefühl meistens ergriff, wenn ich meinen Brief eine ganze Weile verschoben hatte, in der Hoffnung, der andere würde zuerst schreiben.

Ich erhielt Millets Brief, der an demselben Tage abgeschickt war wie der meinige, in Berlin, durch Vermittlung des amerikanischen Gesandten. Millet schrieb, er habe sich sechs Wochen lang vergeblich bemüht, jemand aufzutreiben, der ihm meine deutsche Adresse mitteilen könne, zuletzt sei er auf den Gedanken gekommen, daß man wohl auf der Gesandtschaft in Berlin wissen würde, wo ich zu finden sei. – Vielleicht war es ein Zufall, aber ich glaube es nicht, daß er endlich in demselben Augenblick zur Feder griff, in welchem ich mich entschloß an ihn zu schreiben.

Es giebt für mich nichts Aergerlicheres, als wenn ich in einer einfachen Geschäftsangelegenheit gewartet und gewartet habe, in der Hoffnung, der andere werde die Mühe des Schreibens übernehmen und mich zuletzt doch selbst daran machen muß, noch dazu mit der Ueberzeugung, daß jener sich mit mir zugleich hinsetzt, um einen Brief zu schreiben, der sich mit dem meinigen kreuzen wird. Wollte ich die Arbeit aber verschieben und vom Schreibtisch aufstehen, so würde der andere Mensch unfehlbar dasselbe thun, genau als wären wir zusammengespannt wie die siamesischen Zwillinge und genötigt die nämlichen Bewegungen zu machen.

Einige Monate bevor ich mich auf Reisen begab, hatten Techniker eines New Yorker Geschäfts eine Arbeit in meinem Hause vorgenommen, die nicht zu meiner Zufriedenheit ausgefallen war. Ich benachrichtigte daher die Firma, daß ich die Rechnung erst bezahlen würde, nachdem die Sache ganz in Ordnung gebracht sei. In der Antwort bat man mich wegen Geschäftsüberhäufung etwas Geduld zu haben; sobald der Sachverständige entbehrt werden könne, solle er alles nach Wunsch erledigen. Ueber zwei Monate wartete ich und ertrug mit Ergebung die Hausgenossenschaft elektrischer Klingeln, die urplötzlich von selbst und wie rasend Sturm läuteten, ohne daß jemand sie berührte, und dann wieder keinen Ton von sich geben wollten, wenn man auch den Knopf wie mit einem Schmiedehammer bearbeitete. Unzähligemale nahm ich mir vor zu schreiben, aber immer wieder verschob ich es. Eines Abends endlich setzte ich mich hin und ergoß meinen Aerger ungefähr eine Seite lang; plötzlich aber brach ich den Brief kurz ab, denn ein deutliches Gefühl sagte mir, daß die Firma jetzt auch ein Lebenszeichen von sich geben werde. Als ich am nächsten Morgen zum Frühstück erschien, war mein Brief noch nicht abgegangen, aber der ›elektrische Klingelmann‹ hatte bereits alles Nötige besorgt und war wieder verschwunden. Am Abend vorher hatte er von seinem Prinzipal den Auftrag erhalten und war sogleich mit dem Nachtzug zu uns gefahren. Wenn das auch ein ›Zufall‹ war, so gehörten ungefähr drei Monate dazu, bis er zustande kam.


Letzten Sommer langte ich eines Abends in Washington an, stieg im Orlington-Hotel ab und ging auf mein Zimmer. Ich las und rauchte ungefähr bis zehn Uhr und da ich nicht schläfrig war, wollte ich noch ein wenig frische Luft schnappen. So ging ich denn im Regen hinaus und wanderte vergnüglich und ziellos umher. Mein Freund O. befand sich auch gerade in der Stadt und es hätte mich gefreut, wenn wir zufällig aufeinandergestoßen wären, doch ihn um Mitternacht aufzustöbern, zumal ich seine Wohnung nicht wußte, lag mir gänzlich fern. Da ich mich in den öden Straßen verlassen zu fühlen begann, trat ich gegen zwölf Uhr in einen Zigarrenladen, hielt mich dort eine Viertelstunde auf und hörte den nationalpolitischen Gesprächen einiger Kunden zu. Plötzlich ergriff mich der prophetische Geist und ich sprach zu mir selbst: »Wenn ich jetzt zu dieser Thür hinausgehe, mich links wende und zehn Schritte mache, werde ich O. gegenüberstehen.«

Genau so traf es ein. Zwar konnte ich sein Gesicht unter dem Regenschirm nicht sehen, zumal es ziemlich dunkel war, aber ich erkannte ihn an der Stimme, als er seinem Begleiter in die Rede fiel, und rief ihn an.

Daß ich den Laden verließ und O. begegnete war nichts, aber daß ich es vorher wußte, war sehr viel. Bei näherer Betrachtung ist es doch ein höchst merkwürdiges Erlebnis. Ich stand ganz hinten in dem Zigarrenladen als der Geist der Weissagung über mich kam. Fünf Schritte bis zur Thür, drei Stufen zum Bürgersteig hinunter, Wendung nach links, einige weitere Schritte und richtig – da war mein Mann. Ist es nicht wunderbar, wie alles zutraf?