Oft reden wir von einem Abwesenden und kaum haben wir es gethan, so sehen wir ihn vor uns. Wir lachen dann und sagen: »Wenn man den Teufel an die Wand malt u. s. w.«; dann denken wir nicht mehr an den sogenannten ›Zufall‹. Das ist eine recht billige und bequeme Art, über ein ernstes und schwieriges Rätsel hinwegzukommen, das zu lösen wohl der Mühe verlohnte.

Nun komme ich aber auf das Sonderbarste zu sprechen, was ich je erlebt habe: Vor zwei oder drei Jahren lag ich eines Morgens im Bett und dachte an nichts Besonderes – es war am zweiten März – als plötzlich eine funkelnagelneue Idee wie eine Bombe auf mich hereingesaust kam und mit solcher Gewalt explodierte, daß aus der ganzen Umgegend alle müßigen Betrachtungen zerfetzt und zersplittert davonflogen. Diese Idee bestand, kurz gesagt, darin, daß jetzt der günstige Augenblick gekommen sei, ein gewisses Buch, dem das allgemeine Interesse nicht fehlen konnte, sofort zu schreiben und auf den Markt zu bringen – ein Buch über die Silbergruben in Nevada. Die ›Große Bonanza-Mine‹ war damals ein neues Weltwunder und bildete das Tagesgespräch.

Die geeignetste Person für diese Arbeit schien mir William Wright, ein Journalist aus Virginia in Nevada, an dessen Seite ich dort, vor zwölf Jahren, monatelang als Reporter Zeitungsartikel gekritzelt hatte. Vielleicht war er noch am Leben, vielleicht war er tot, wer konnte es wissen, aber jedenfalls wollte ich ihm schreiben. Ich begann damit, ihm bescheidentlich den Vorschlag zu machen, das bewußte Buch zu verfassen; im weitern Verlauf wuchs jedoch mein Eifer und ich ließ mich hinreißen, nach eigenem Ermessen den ganzen Plan des Werkes zu entwerfen, überzeugt, daß Wright, als guter Freund, meine Absicht nicht mißdeuten werde. Ich ging sogar auf Einzelheiten ein und besprach deren Anordnung und Reihenfolge. Eben wollte ich das Manuskript in einen Umschlag stecken, da fiel mir ein, wie unangenehm es wäre, wenn das Buch auf meine Veranlassung geschrieben würde und sich dann kein Verleger fände. Ich behielt daher den Brief einstweilen zurück, warf ihn in ein Fach und richtete ein paar Zeilen an meinen eigenen Verleger, den ich um eine geschäftliche Besprechung bat. Der Herr war jedoch gerade verreist, meine Zuschrift blieb unbeantwortet und nach einigen Tagen hatte ich die ganze Angelegenheit vergessen. Am neunten März brachte der Postbote verschiedene Briefe, darunter einen besonders dicken, dessen Aufschrift eine halbschlummernde Erinnerung in mir zu wecken schien. Zuerst wußte ich nicht wohin damit, aber bald ging mir ein Licht auf und ich sagte zu einem Verwandten, der gerade anwesend war:

»Gieb acht, jetzt will ich ein Wunder thun. Ich werde dir aufs genauste Inhalt, Datum und Unterschrift dieses Briefes sagen, ohne ihn zu erbrechen. Er kommt von einem Herrn Wright aus Virginia in Nevada, und ist vom zweiten März datiert. Wright teilt mir darin sein Vorhaben mit, ein Buch über die Silberminen zu schreiben und fragt, was ich als Freund davon denke. Ferner setzt er mir alles Einzelne des Nähern auseinander und sagt, daß er zum Schluß die Geschichte des ›Großen Bonanza‹ erzählen wolle.«

Ich öffnete nun den Brief und bewies, daß meine sämtlichen Angaben richtig waren. Wrights Brief enthielt in der That genau dasselbe wie der meinige, der, am nämlichen Datum geschrieben, seit sieben Tagen im Fach meines Schreibtisches lag.

Mit Hellseherei, wenigstens wie ich dieselbe verstehe, hatte dieser Vorfall, glaube ich, nichts zu thun. Ein Hellseher behauptet, verborgene Schrift wirklich Wort für Wort ablesen zu können. Das war bei mir nicht der Fall. Ich glaubte nur den Inhalt des Briefes im einzelnen mit vollkommener Sicherheit zu kennen, aber die Worte mußte ich selbst finden und gewissermaßen Wrights Ausdrucksweise in die meinige übersetzen.

Dies Zusammentreffen aller Umstände konnte doch unmöglich auf Zufall beruhen. Bei einem Zufall hätte vielleicht einiges gestimmt, aber alles übrige wäre wesentlich abgewichen. Für mich unterlag es keinem Zweifel – Wrights Geist hatte am zweiten März über Gebirge und Wüste hinweg, trotz der Entfernung von dreitausend Meilen, mit dem meinigen in engster und krystallklarster Verbindung gestanden. Meiner Meinung nach waren wir nicht beide zugleich auf die ursprüngliche Idee gekommen, sondern der Geist des einen hatte sie erdacht und sie dem andern telegraphiert.

Es reizte mich doch zu wissen, wessen Gehirn das Telegraphieren übernommen hatte und wer der Empfänger der Depesche gewesen war, so schrieb ich denn an Wright, um mich darnach zu erkundigen. Seine Antwort bewies mir, daß Gedanke und Botschaft von seinem Geist ausgegangen waren und der meinige beides nur aufgenommen hatte. Sein Buch steckte ihm schon lange im Kopfe; es liegt daher auf der Hand, daß die erste Idee von ihm und nicht von mir herrührt; der Stoff lag mir ganz fern und ich war obendrein von andern Dingen vollauf in Anspruch genommen. Trotzdem vermochte es dieser Freund, an den ich seit elf Jahren nicht mehr gedacht hatte, mir seine Gedanken aus weiter Ferne in den Kopf zu blitzen, und zwar mit solchem Nachdruck, daß ich für den Augenblick kein anderes Interesse mehr kannte. Er hatte den Brief an mich geschrieben, nachdem seine Arbeit für das Morgenblatt beendet war, etwas nach drei Uhr. Drei Uhr morgens in Nevada ist ungefähr 6 Uhr in Hartford, zu welcher Zeit ich, wie erwähnt, im Bette lag und an nichts Besonderes dachte. Gerade um diese Zeit ergoß sich der Strom seiner Gedanken über den Kontinent hinweg in mein Gehirn, ich stand auf und schrieb sie nieder unter dem Eindruck, daß sie ausschließlich von mir selbst stammten.

Das ist sehr bedeutungsvoll und kann von der höchsten Wichtigkeit werden. Man bedenke nur, wie mancher herrliche Originalgedanke einem so mir nichts dir nichts von einem dreitausend Meilen weit entfernten Menschen weggestohlen werden kann. Sollte jemand versucht sein, diese Thatsache anzuzweifeln, so bitte ich nur, einen Blick in das Konversationslexikon zu werfen und wieder einmal über den sonderbaren Umstand in der Geschichte der Erfindungen nachzugrübeln, der einem jeden schon zu denken gegeben hat – darüber nämlich, daß so häufig dieselben Maschinen und Apparate gleichzeitig von mehreren Personen in verschiedenen Weltteilen erfunden worden sind. Es liegt nicht außer dem Bereich der Möglichkeit, daß die Erfinder sich, ohne es zu wollen, gegenseitig ihre Ideen fortstehlen, obgleich sie viel tausend Meilen von einander getrennt sind.