Gewöhnlich erklärt man zwar dies Gedankenzusammentreffen daraus, daß große und bedeutsame Entdeckungen sich immer auf Fragen beziehen, mit welchen die hervorragendsten Geister sich bereits lange und eingehend beschäftigt haben. Als Beispiele solcher zugleich von verschiedenen Seiten gewonnener Errungenschaften auf wissenschaftlichem Gebiet führt man unter andern die Erfindung der Differentialrechnung an, die Entdeckung des Planeten Neptun, die Entzifferung der egyptischen Hieroglyphen, die Aufstellung der Vibrationstheorie des Lichts, die Erfindung des elektrischen Telegraphen und der Spektralanalyse. Aber vielleicht ist in jedem der angegebenen Fälle die Idee in dem Geist eines einzigen Gelehrten entsprungen, der sie weiter telegraphiert hat. Schon seit einem Jahrhundert hatten die Astronomen jene Aberrationen beobachtet, die endlich Leverrier auf die Vermutung brachten, daß sich im unermeßlichen Raum ein Planet verbergen müsse, welcher der Urheber jener Störungen sei. Wie ging es nun aber zu, daß drei durch weite Entfernung von einander getrennte Menschen, Leverrier, Mrs. Somerville und Adams auf einmal zu gleicher Zeit anfingen, sich mit den Aberrationen abzuquälen und alles daran zu setzen, um ausfindig zu machen, was wohl die Ursache derselben sein könne? – Das sonderbare Unternehmen, einen unsichtbaren Planeten zu messen, zu wägen, seine Bahn zu berechnen, ihm förmlich nachzujagen und ihn endlich einzufangen, an das noch niemand zuvor gedacht hatte, konnte nur in dem Kopf eines einzigen Astronomen entsprungen und durch Gedankentelegraphie den andern Geistern übermittelt worden sein.


Letzten Frühling kam ein litterarischer Freund von fern her, um mich zu besuchen. Im Lauf des Gesprächs erzählte er mir, es sei ihm eine vollständig neue Idee aufgegangen, wie sie sicherlich in der Litteratur noch nicht dagewesen wäre, und teilte mir dieselbe mit. Darauf überreichte ich ihm ein Manuskript, welches ich vor acht Tagen geschrieben hatte, mit dem Bedeuten, daß er darin seine Idee der Hauptsache nach getreulich wiedergegeben finden würde. Schon seit dem vergangenen November beschäftigte dieser Gedanke mein Gehirn – in das seinige geriet er aber erst vor acht Tagen, während ich das Schriftstück abfaßte. Da er seine Idee noch nicht zu Papier gebracht hatte, überließ er mir nun liebenswürdigerweise alle Rechte und Titel des Erfinders.

Mich haben die spiritistischen Vorstellungen und Geisterkundgebungen, bei denen ich zugegen war, nie im geringsten überzeugen können, was jedoch nicht viel sagen will, da meine Erfahrungen auf diesem Felde nur oberflächlich sind. Daß aber der Geist eines noch – im Fleisch wandelnden – Menschen mit einem andern Menschengeist verkehren kann, selbst wenn beide durch große Entfernungen getrennt sind, glaube ich fest. Ja, es ist nicht einmal erforderlich, vorher auf künstliche Weise einen ›sympathetischen Zustand‹ zu erzeugen, durch welchen die Gedankentelegraphie vermittelt würde. Nach meiner Ueberzeugung findet die geistige Wechselwirkung überhaupt nur statt, wenn ein sympathetischer Zustand vorhanden ist; ich halte es aber nicht für unmöglich, daß bei ununterbrochenem sympathetischem Zustand auch der Gedankenverkehr ins Unbegrenzte fortgesetzt werden könnte.

Wir alle haben es wohl schon erlebt, daß plötzlich eine Reihe von Gedanken und Empfindungen auf uns einstürmten, die wir ganz auf dieselbe Weise bereits in einem frühern Dasein durchgemacht zu haben glauben. Ein unheimliches Gefühl! – Zwar ist ein früheres Dasein nicht unmöglich, aber dadurch wird dieses spukhafte Geheimnis keineswegs erklärt. Seine Erklärung liegt vielmehr darin, daß ein Fremder aus weiter Ferne uns seine Gedanken ins Bewußtsein telegraphiert, bis ein Gegenstrom oder irgend ein anderes Hindernis plötzlich die Verbindung unterbricht. Vielleicht scheint es uns etwas früher Erlebtes, weil es das schon Erlebte eines andern ist, das wir nur aus zweiter Hand übernehmen. Ob Herr Brown, der berühmte Gedankenleser, wirklich die Gedanken anderer liest, weiß ich nicht, – aber das weiß ich, daß ich sie schon gelesen habe, und warum sollte es da Herr Brown nicht auch thun können!


Vorstehendes schrieb ich vor drei Jahren in Heidelberg und legte das Manuskript beiseite mit der Absicht, bei Gelegenheit neue Beispiele der Gedankentelegraphie, die mir vorkommen würden, hinzuzufügen. Inzwischen hat sich das ›Briefkreuzen‹ so unzähligemale wiederholt, daß es anfängt eintönig zu werden. Ich habe mir aber eine Lehre daraus gezogen: wenn ich jetzt die Lust verliere zu warten, ob es jemand, von dem ich gern Nachricht hätte, endlich gefällig sein wird zur Feder zu greifen, so zwinge ich ihn dazu, indem ich mich hinsetze und meinerseits an ihn schreibe. Dann zerreiße ich meinen Brief in guter Ruhe; ihn abzuschicken ist unnötig, das Schreiben allein genügt vollständig, um den säumigen Freund zum Entschluß zu bringen.

Nachdem wir Heidelberg verlassen hatten, hielten wir uns eine Zeitlang in Venedig auf. Eines Tages fuhr ich in einer Gondel den großen Kanal hinab, als ich einen lauten Zuruf hinter mir hörte und mich umblickte; eine Gondel folgte der meinigen und der Gondelier machte heftige Zeichen, ich solle anhalten. Als das Boot herankam, erblickte ich darin eine amerikanische Dame, die sich seit längerer Zeit in Venedig aufhielt.

»Sie müssen mir helfen,« sagte sie in großer Aufregung, als ihre Gondel neben der meinigen angelegt hatte. »Im Britannia-Hotel ist vor einer Woche ein Herr aus New York mit seiner Frau abgestiegen. Sie erwarteten Nachrichten von ihrem Sohn vorzufinden, von dem sie seit acht Monaten nichts gehört haben. Leider war ihre Hoffnung vergebens, die Dame liegt nun krank, sie ist in Verzweiflung und ihr Mann kann weder essen noch schlafen. Der Sohn ist vor acht Monaten in San Francisco angekommen und hat seine Ankunft den Eltern sofort brieflich angezeigt. Das ist die letzte Spur von ihm. Die Eltern sind inzwischen in Europa ruhelos von Ort zu Ort gezogen, die ganze Reise ist ihnen verdorben und sie haben Briefe nach allen Himmelsgegenden geschrieben in der Hoffnung, Nachrichten über das Verbleiben ihres Sohnes zu erhalten, dessen Schweigen noch immer unaufgeklärt ist.

»Nun will der Herr es mit einem Kabeltelegramm versuchen. Er will nach San Francisco telegraphieren, hat sich aber bis jetzt noch nicht dazu entschließen können, aus Furcht vor was? – ohne Zweifel aus Furcht, die Todesnachricht seines Sohnes zu erhalten. Er verlangt jetzt von mir, daß ich die Depesche abschicke, aber das kann ich nicht, denn, wenn keine Rückantwort erfolgte – es wäre der Tod der armen Mutter. In meiner Angst bin ich Ihnen nachgefahren. Sie müssen mir beistehen, den Mann zu überreden noch einige Wochen geduldig zu warten, der Aufschub ist vielleicht die Rettung seiner Frau. Kommen Sie, wir dürfen keine Zeit verlieren.«